Sonntag, 13. Mai 2018

Paul Krugman zum Außenhandelsdefizit der USA


Paul Krugman beantwortet hier einige Fragen im Zusammenhang mit Präsident Trumps Einfuhrsteuern auf Stahl und Aluminium. Ein Fragesteller zeigt sich beunrühigt über den Stein des Anstoßes, das ständig wachsende Außenhandelsdefizit. Hier Krugmans Stellungnahme:

Grundsätzlich haben wir anhaltende Handelsdefizite, weil wir geringe Ersparnisse haben und für Ausländer ein attraktiver Investitionsstandort bleiben. Und so sind die USA, die ein Gläubigerland waren, bevor wir seit 1980 anhaltende Defizite aufwiesen, heute ein Nettoschuldner.

Aber man sollte das im richtigen Rahmen sehen. Unsere "Nettoauslandsinvestitionsposition" - Auslandsvermögen abzüglich Verbindlichkeiten - liegt bei rund -45 Prozent des G.D.P., was im Großen und Ganzen gar nicht so viel ist. Zum Beispiel sind es weniger als 10 Prozent unseres nationalen Reichtums.


Und die Idee, dass dies Ausländern eine Menge Macht über Amerika gibt, hat gilt auch umgekehrt. Es macht sie gewissermaßen zu unseren Geiseln: China hat viel Geld in Amerika gebunden. Angenommen, sie versuchten, es herauszuziehen: Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre ein Rückgang des Dollars, was gut für die US-Produktion wäre und unseren Gläubigern einen Kapitalverlust zufügen würde.

Viele Dinge beunruhigen mich; unsere Auslandsschulden nicht so sehr.
Der permanente Außenhandelsüberschuss Deutschlands ist also nicht ohne Risiko. Wir können das Geld realistischerweise gar nicht  in vollem Wert zurückbekommen, außer über Außenhandelsdefizite. Nimmt man hinzu, dass die steigenden Aktienkurse in den USA wesentlich durch Trumps Steuererleichterungen für die Unternehmungen hervorgerufen werden, so kommt eon weiteres Problem hinzu: Die höheren Gewinne führen nicht zu höheren Investitionen sondern zu Rückkäufen der eigenen Unternehmensaktien. Das treibt die Aktienkurse. Die Manager machen das, wie Robert Reich bemerkt, weil die Managereinkommen an die Aktienkurse geknüpft sind. Eine Blase.  Das Risiko offensichtlich.

Sonntag, 18. März 2018

Frau Merkel

David Glasner schreibt in Uneasy Money:
Frau Merkel ist vielleicht die eindrucksvollste politische Führerin unserer Zeit, und ihre Bereitschaft, eine humanitäre Politik gegenüber Flüchtlingen zu verfolgen, die vor den Schrecken des Krieges und der Verfolgung fliehen, zeigte einen außerordentlichen Grad an politischem Mut und persönlichem Anstand, der anderen Politikern als Vorbild dienen sollte. Aber dieses bewundernswerte Erbe wird für immer durch den Schaden getrübt, den sie ihrem eigenen Land und dem Rest der EU durch ihren fehlgeleiteten Kampf gegen die imaginäre Inflationsgefahr zugefügt hat.
(Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator)
Ich kann dem nur zustimmen.

Sonntag, 11. März 2018

Überqualifikation

Nancy Kracke schreibt auf dem IAB-Forum:
Rund 23 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind nicht entsprechend ihrer beruflichen Qualifikation beschäftigt. Dies zeigen Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahre 2016. Deutschland liegt damit leicht über dem Durchschnitt aller OECD-Staaten.
Überqualifizierung liegt vor, wenn die in der Ausbildung erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen die Anforderungen der ausgeübten Beschäftigung übersteigen. Das bedeutet, dass individuelle und gesellschaftliche Bildungsinvestitionen nur teilweise beruflich verwertet werden können.

Diese Beobachtung spricht, ähnlich wie der Zusammenhang von Lohnbesteuerung und Lohnungleichheit, wiederum gegen die Sicht, dass sich die Lohnbildung nach dem Angebots-Nachfrage-Schema vollzieht und liefert ein weiteres starkes Indiz für Effizienzlohnbildung.

Genauer: Nach dem Angebots-Nachfrage-Schema müsste ein Überangebot von Arbeitskräften mit einer bestimmten Qualifikation die Entlohnung für diese Arbeitskräfte drücken bis das Überangebot verschwunden ist. Das ist aber offenbar nicht der Fall. Wenn die Unternehmungen jedoch in einem Wettbewerb um die besonders fähigen Arbeitskräfte mit einer bestimmten Qualifikation die Löhne gegenseitig hochschaukeln entsteht Überqualifikation. Angesichts der hohen Bezahlung derer, die qualifikationsadäquat beschäftigt werden lohnt sich die Ausbildung auch dann, wenn man damit rechnen muss, nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen der hochbezahlten Jobs zu ergattern und ansonsten mit einer etwas weniger anspruchvollen und schlechter bezahlten Tätigkeit vorlieb nehmen zu müssen, die geringere Qualifikationsanforderungen hat. Ich habe das hier  und hier akademisch und hier und hier  etwas weniger akademisch erläutert.

Samstag, 10. März 2018

Trumps Strafzölle

Irgendwelche protektionistischen Maßnahmen zur Eindämmung des Außenhandelsdefizits der Vereinigten Staaten, wie jetzt die Strafzölle auf Stahl und Aluminium, waren zu erwarten. Sie waren auch  im Wahlprogramm von Trump angekündigt, das von Trumps Wirtschaftsexperten Peter Navarro und Wilbur Ross ausgearbeitet worden ist und eine beeindruckende Unkenntnis volkswirtschaftlicher Zusammenhänge dokumentiert.

Aber das war zu erwarten. Die Europäer hätten vielleicht eher etwas gegen ihre (hauptsächlich deutschen) Außenhandelsüberschüsse tun können. Dann hätte man sich den Ärger erspart und zudem nicht Guthaben im Ausland akkumuliert die nicht besonders sicher sind.  Außerdem hätte man dann schneller eine Beschäftigung erreicht, wie wir sie heute in Deutschland haben - nach vielen Jahren unnötiger Austerity,  und mit vielen europäischen Ländern, denen es noch immer schlecht geht.

Mit anderen Worten: Ich stimme Carl-Christian von Weizsäcker zu, der vor einiger Zeit angeregt hat, die Schuldenbremse durch eine Leistungsbilanzbremse zu ersetzen.  Das hätte viele Probleme vermieden, die wir heute haben, nicht nur mit Trump. Eine andere Möglichkeit wäre, jedenfalls was die deutschen Exportüberschüsse betrifft, eine regionale Lohnindexierung.

Übrigens ist Deutschland gesetzlich (im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz und auch in europäischen Übereinkünften) zu einem ausgeglichenen Außenhandel verpflichtet. Diese gesetzliche Verpflichtung wird aber einfach von den Wirtschaftspolitikern ignoriert.

Freitag, 20. Oktober 2017

Ein interessanter empirischer Befund zur zunehmenden Lohnungleichheit

Die OECD hat eine umfangreiche empirische Studie zu der Frage nach den Ursachen der zunehmenden Ungleichheit vorgelegt (Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising,OECD Publishing 2011, Link). Die Untersuchung wertet Daten von 22 OECD-Ländern aus,  beginnend mit den frühen 1980ger Jahren bis zum Jahre 2008.

Die Studie enthält viele hochinteressante Ergebnisse und Statistiken. Besonders bemerkenswert finde ich das Ergebnis zur Wirkung der Belastung von Löhnen mit Steuern, Sozialabgaben und Lohnnebenkosten ("tax wedge"). Hier besteht ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen der Steuerbelastung und der Lohnungleichheit ("wage dispersion", Lohnspreizung): Je geringer die Steuerbelastung, umso  größer wird die Lohnungleichheit. Ich habe das in dem unten abgebildeten Ausschnitt aus Tabelle 2 der Studie auf S. 32 rot hervorgehoben.

aus Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising, OECD Publishing 2011, S. 32.
„Wage dispersion“ bezeichnet die Ungleichheit der Bruttolöhne einschließlich der Lohnnebenkosten und Sozialabgaben, „tax wedge“ bezeichnet die Belastung dieser Bruttolöhne durch Steuern, Lohnnebenkosten, und Sozialabgaben.  

Dies Ergebnis ist deshalb interessant, weil es in direktem Widerspruch zur  konventionellen Theorie der Lohnbildung nach dem Angebots-Nachfrage-Schema steht und andrerseits als Ergebnis zu erwarten ist, wenn die Lohnbildung gemäß der "Effizienzlohntheorie" erfolgt. Der Befund liefert also eine starke empirische Unterstützung für die Sicht, dass Effizienzlohngesichtspunkte für die Lohnbildung wichtig sind und dass das Angebots-Nachfrage-Schema für die Lohntheorie in wichtigen Fragen sehr irreführend sein kann.

Im folgenden soll in möglichst einfacher Form erklärt werden wie eine Erhöhung der Steuer- und Abgabenbelastung von Löhnen auf die Lohnspreizung in der Angebots-Nachfrage-Theorie einerseits und in der Effizienzlohntheorie andrerseits wirkt.

Die Wirkung einer Erhöhung der Abgabenbelastung von Löhnen bei der Angebots-Nachfrage-Theorie. 

 

Wir betrachten einen Arbeitsmarkt für eine bestimmte Tätigkeit. Der entsprechende Lohn bildet sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage auf diesem Arbeitsmarkt. Ist der Lohn auf diesem Markt bei gegebenen Löhnen auf den anderen Arbeitsmärkten zu niedrig, so sind nicht hinreichend viele Arbeiter bereit, ihre Arbeit auf diesem Markt anzubieten um die Nachfrage seitens der Unternehmungen zu befriedigen. Es entsteht Übernachfrage. Die Unternehmungen konkurrieren um die Arbeitskräfte. das führt zu Lohnerhöhungen bis Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Umgekehrt entsteht bei einem zu hohen Lohn ein Überangebot an Arbeitskräften. Das ermöglicht den Unternehmungen, sich wechselseitig zu unterbieten. Der Lohn fällt bis schließlich der Arbeitsmarkt geräumt ist.

Derartige Prozesse finden auf allen Arbeitsmärkten statt. Im Gleichgewicht sind alle Arbeitsmärkte geräumt. Die Lohndifferentiale zwischen den verschiedenen Tätigkeit ergeben sich dann als "kompensierende Differentiale": Sie veranlassen die Arbeitskräfte, ihre Tätigkeiten so zu wählen, dass sie der Nachfrage der Unternehmungen bei diesen Löhnen gerade entsprechen. Wenn diese Differentiale verändert werden, ergeben sich Ungleichgewichte. Angebot und Nachfrage auf den einzelnen Märkten stimmen dann nicht mehr überein. Das führt zu entsprechenden Lohnanpassungen.

Betrachten wir zwei Tätigkeiten A und B, die für gewisse Arbeitskräfte in Frage kommen. Tätigkeit B  setzt eine längere und teurere Ausbildung voraus als Tätigkeit A. (Beispiel: A steht für "Metallfacharbeiter" und B für "Metallfacharbeiter mit großem Schweißschein", kurz "Schweißer".) In einem Marktgleichgewicht bildet sich das Lohndifferential zwischen den Tätigkeiten A und B so, dass hinreichend viele bereit sind, sich der Ausbildung für Tätigkeit B zu unterziehen. Wenn die beiden Tätigkeiten ungefähr gleich angenehm oder unangenehm sind, wird Tätigkeit B besser bezahlt werden als Tätigkeit A. (Wenn Tätigkeit B angenehmer ist als Tätigkeit A wird das Lohndifferential im Gleichgewicht entsprechend geringer sein. Das folgende Argument sieht von derartigen Modifikationen ab die das grundsätzliche Ergebnis aber nicht verändern würden.) Dabei bezieht sich das Lohndifferential auf die Nettolohneinkommen, denn das ist ja die Größe, an der sich die Arbeiter bei ihrer Entscheidung orientieren. Für die Unternehmungen ist hingegen der Bruttolohn interessant, der zusätzlich zum Nettolohn die Steuern, die Sozialabgaben und die Lohnnebenkosten einschließt und die Kosten für den Arbeitseinsatz bestimmt.

Wird nun die Besteuerung der Lohneinkommen erhöht, so wird das Lohndifferential - der Unterschied zwischen der Nettoentlohnung bei den Tätigkeiten A und B - verringert. Die Attraktivität von Tätigkeit B gegenüber Tätigkeit A leidet. Einige Arbeitskräfte werden sich nunmehr für Tätigkeit A statt für Tätigkeit B entscheiden.  Es entsteht bei den bisherigen Bruttolöhnen ein Überangebot bei der Tätigkeit A und ein Verringerung des Angebots bei der Tätigkeit B. Damit herrscht eine Übernachfrage nach Arbeitskräften für die Tätigkeit B. Der Lohn für B muss relativ zum Lohn für A zunehmen. Das erhöht die Kosten für die Arbeit B und mag zu einer Verringerung der Nachfrage nach Arbeitskräften für die Tätigkeit B führen. Zugleich wird die Tätigkeit B gegenüber Tätigkeit A attraktiver. Einige Arbeitskräfte werden zusätzlich veranlasst, die Ausbildung für B zu durchlaufen. Es ergibt sich dann ein neues Gleichgewicht mit einem größerem Unterschied bei den Bruttolöhnen für die Tätigkeiten A und B.

Fazit: Gemäß der Angebots-Nachfrage-Theorie der Lohnbildung nimmt die Lohnungleichheit bei zusätzlicher Abgabenbelastung der Lohneinkommen zu. Dies steht in direktem Widerspruch zum OECD-Befund.

Die Wirkung einer Erhöhung der Abgabenbelastung von Löhnen bei der Effizienzlohntheorie

 

In der Angebots-Nachfrage-Theorie bestimmen die kompensierenden Lohndifferentiale die Lohnungleichheit. Aus der Perspektive der Effizienzlohntheorie bilden diese Lohndifferentiale lediglich die Untergrenze für Lohnunterschiede. Wenn die Löhne unter Effizienzlohngesichtspunkten gesetzt werden, werden die Lohndifferentiale typischerweise die kompensierenden Differentiale übersteigen.

Es gibt verschiedene Effizienzlohntheorien. Bezüglich des Zusammenhangs zwischen Abgabenbelastung der Löhne und Lohnungleichheit führen sie allerdings alle zum gleichen Ergebnis wie hier erklärt wird. Im folgenden erläutere ich diesen Zusammenhang anhand einer wichtigen Variante, der Selektionstheorie. Bei dieser Theorie steht die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte im Zentrum des Interesses. Während in der Angebots-Nachfrage-Theorie implizit angenommen wird, dass die Arbeitskräfte, die sich beispielsweise für die Tätigkeit B qualifiziert haben, alle gleich produktiv sind, wird in der Selektionstheorie betont, dass diese Arbeitskräfte zwar die entsprechende Tätigkeit in allen Unternehmungen ausführen können, dass sie aber unterschiedlich leistungsfähig sind. Angesichts der Produktivitätsunterschiede sind die Unternehmungen daran interessiert, die besonders leistungsfähigen Arbeitskräfte einzustellen. Deshalb prüfen sie die Bewerbungen und versuchen, bevorzugt die besonders produktiven Bewerber zu gewinnen, wobei sie verschiedene Informationen und Einstellungstests verwenden, die als Produktivitätssignale dienen können.

Eine Unternehmung die eine recht hohe Entlohnung bietet, wird mehr Bewerbungen erhalten als eine Unternehmung, die für die Tätigkeit schlechter zahlt. Die besser zahlende Unternehmung kann dann unter den Bewerbern eine schärfere Auswahl treffen als die schlechter zahlende und auf diese Weise  im Schnitt Arbeitskräfte mit höherer Produktivität gewinnen.

Wenn die Arbeitskräfte in ihrem Angebotsverhalten hinreichend stark auf Lohngebote reagieren, kann eine Unternehmung einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz erlangen, wenn sie einen höheren Lohn bietet als die Konkurrenz. Die Konkurrenz wird sich ebenso verhalten. Das Lohnniveau für die Tätigkeit B wird zunehmen. Das verteuert die Beschäftigung von Arbeitskräften in der Tätigkeit B bis zu dem Punkt,bei dem sich weitere Lohnüberbietungen nicht mehr lohnen. Das Lohnniveau für Tätigkeit B ergibt sich auf diese Weise aus der Konkurrenz zwischen den Unternehmungen. Im Gleichgewicht wird es sich für keine Unternehmung lohnen, ihr Lohngebot  weiter zu erhöhen, denn dann würden die Lohnkosten stärker zunehmen als die zusätzlichen Erlöse, und es würde sich auch nicht lohnen, das Lohngebot zu senken, denn dann würde der zusätzliche Erlös stärker fallen als die Lohnkosten.

Wenn jedoch die Bruttolöhne mit zusätzlichen Abgaben belastet werden, wird die Wirkung von höheren Lohngeboten reduziert, weil ein Teil der höheren Zahlungen in höhere Abgaben fließt und bei den Arbeitskräften nicht ankommt. Entsprechend werden höhere Lohngebote nur geringere Wirkung entfalten. Der Selektionseffekt höherer Lohngebote wird abgeschwächt und der Punkt, bei dem sich weitere Lohnüberbietungen nicht mehr lohnen wird gesenkt. Es wird sich ein Gleichgewicht bei verringerten Bruttolöhnen bilden.

Fazit: Gemäß der Selektionstheorie der Lohnbildung nimmt die Lohnungleichheit bei zusätzlicher Abgabenbelastung der Lohneinkommen ab. Dies steht im Einklang mit dem OECD-Befund.

Das gleiche Ergebnis würde sich auch bei den anderen Effizienzlohnmechanismen einstellen, die allesamt auf dem Gedanken beruhen, dass mittels höherer Lohngebote über verschiedene Wirkungsmechanismen bessere Arbeitsleistungen bewirkt werden können. Durch zusätzliche Abgabenbelastung der Lohnzahlungen werden alle diese Wirkungsketten geschwächt.

Anmerkung: Die Ökonomen der OECD versuchen, ihren Befund im Rahmen der Angebots-Nachfrage-Theorie auf S. 104 wie folgt zu rationalisieren:
Änderungen der Abgaben auf Lohnzahlungen können sich auch auf die Entwicklung der Lohnstreuung auswirken, z. B. kann ein höherer Grenzsteuersatz weniger qualifizierte Arbeitnehmer davon abhalten, in den Arbeitsmarkt für Niedriglohnjobs einzutreten . Eine Reduzierung der Belastung könnte daher eine Erhöhung des Angebots von niedrigqualifizierte Arbeitskräften bedeuten und zu höheren Lohnunterschieden führen.
Dieses Argument -- dass eine höhere Besteuerung der Löhne insbesondere die Geringqualifizierten zum Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt veranlasst -- ist aus verschiedenen Gründen ziemlich unplausibel, insbesondere dann, wenn man die vielen empirischen Regelmäßigkeiten wie Industrieeffekte, Firmengrößeneffekte, Agglomerationseffekte und vieles mehr in die Betrachtung einbezieht, die allesamt im Einklang mit der Effizienzlohnperspektive stehen, wie  ich in dem oben erwähnten Beitrag erläutert habe.

Sonntag, 13. August 2017

Agenda 2010

In einem sehr lesenswerten Interview begründet Peter Bofinger seine These die lautet:
Ich glaube nicht, dass die Agenda 2010 der deutschen Gesamtwirtschaft sehr geholfen hat.
Ich stimme ihm zu und meine sogar, dass die Agenda 2010 der deutschen Gesamtwirtschaft über alles gerechnet geschadet hat - wegen schlechter Allokations- und Verteilungseffektemit langfristigen nachteiligen Konsequenzen . Ich werde das gelegentlich mal erläutern. Aber hier einige Auszüge aus Bofingers Interview:
.....
Aber spricht nicht die Logik dafür, dass die Hartz-Reformen viele Menschen in Arbeit gebracht haben? Schließlich erhöhten sie den Druck auf die Arbeitslosen, auch schlechtere Stellen anzunehmen.
So einfach funktioniert das nicht. Bräuchte man nur mehr Druck auf die Arbeitslosen, um eine gute Beschäftigungsentwicklung zu bekommen, dann müssten die Arbeitsmärkte in Griechenland und Italien boomen. Dort erhält man spätestens nach einem Jahr Arbeitslosigkeit nämlich nichts mehr. Hartz 0.   ....
Ökonomen loben die Hartz-Reformen aber auch noch für ihren indirekten Effekt: Der Druck auf die Arbeitslosen hat die Arbeitnehmer zu Zugeständnissen beim Lohn motiviert. Aus Furcht vor Hartz IV haben sie Lohnzurückhaltung geübt, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Diese Lohnzurückhaltung wiederum hat die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig gemacht und einen Exportboom ermöglicht, der wiederum den Aufschwung eingeleitet hat.
Tatsächlich war die Lohnzurückhaltung für die deutsche Wirtschaft bedeutsam. Nur: Sie war gar kein Effekt der Hartz-Reformen, sondern begann lange vorher, nämlich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Damals verzichteten die deutschen Gewerkschaften bewusst auf reale Lohnerhöhungen, um über diesen Verzicht Arbeitsplätze zu erhalten. International war diese Gewerkschaftsstrategie wohl einzigartig. In der Folge weitete sich der Niedriglohnsektor bis 2004 deutlich aus – ganz ohne Hartz-Reformen.

Für die deutsche Wirtschaft hat sie sich gelohnt.
Nicht unbedingt. Zwar profitierte die Exportwirtschaft. Die Lohnzurückhaltung bescherte Deutschland allerdings eine jahrelange Stagnation der Binnenwirtschaft.
Viele Ökonomen und Politiker fordern von den anderen Euro-Staaten, dem deutschen Vorbild zu folgen: Sparsamkeit, Lohnzurückhaltung für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Auch von Frankreichs neuem Präsidenten Emmanuel Macron wird ein „Schröder-Moment“ erwartet.
Deutschland ist kein Vorbild. Die deutsche Strategie der relativen Lohnsenkung hat nur funktioniert, weil die anderen Staaten sie nicht mitgemacht haben. Nur weil sie keine Sparsamkeit und Lohnzurückhaltung geübt haben, konnte Deutschland seine relative Wettbewerbsposition verbessern und von der ausländischen Nachfrage profitieren.

Und wenn das jetzt alle machen würden?
Wenn alle Euro-Staaten die Löhne senken um wettbewerbsfähiger zu werden, dann ist das ein Nullsummen-Spiel, bei dem keiner gewinnt....


Sonntag, 16. April 2017

Lohnspreizung und Effizienz

Der Armuts- und Reichtumbericht der Bundesregierung hat dankenswerterweise auf das Problem der Lohnspreizung hingewiesen: Die Reallöhne im unteren Lohnbereich sind seit 1995 deutlich zurückgegangen, die im oberen Lohnbereich dagegen deutlich gestiegen:


Diese Tatsache, die m.E. eine Hauptursache für die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung in vielen westlichen Ländern darstellt, wurde lange ignoriert. Der Sachverständigenrat, dem bereits 2012 eine Expertise zu diesem Thema vorlag, die nachdrücklich auf diese besorgniserregende Entwicklung hingewiesen hatte, hat das Problem einfach übergangen und ignoriert. Ich selbst habe mich in mehreren Veröffentlichungen, beginnend 2007, theoretisch mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und insbesondere die damals und auch heute noch vorherrschende Sicht kritisiert, dass diese Entwicklung hauptsächlich durch  einen zunehmenden Knappheit an hochqualifizierten Mitarbeitern erzeugt wäre. Dem steht der emprische Sachverhalt einer zunehmenden Überqualifikation in allen Arbeitsmarktsegmenten entgegen. Meine Sicht ist, dass durch den Abbau von Routinetäötigkeiten in allen Arbeitsmarktsegmenten die Produktivitätsdifferenzen zwischen Mitarbeitern auf allen Qualifikationsstufen immer bedeutsamer werden, die Unternehmungen zu einer Konkurrenz um besonders leistungsfähige Mitarbeiter anreizen, und dass dies dann die (volkswirtschaftlich sinnlosen und allokativ sogar schädlichen) überzogenen Lohndifferentiale bewirkt.

Die Autoren, die einen wesentlichen Beitrag zur Ungleichheitsdebatte geliefert und sorgfältig diskutiert haben, haben diese Problematik übersehen. Sie sind der Meinung, dass der Rückgang der Tatrifbindung ein wesentlicher Faktor sei und sehen die These des "skill-biased technological progress" mit Skepsis. Dem allen kann ich, jedenfalls als Vermutung, zustimmen. Zusätzliche Investitionen in Bildung und Qualifikation, so wünschenswert sie in anderer Hinsicht sein mögen, werden allerdings aus meiner Sicht die Lohnspreizung eher verstärken als dämpfen.

Ich habe versucht, meine theoretischen Überlegungen in etwas allgemeinverständlicher Weise darzustellen. Wen das interessiert, der kann hierhier und hier  nachschauen.