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Donnerstag, 15. Dezember 2022

Die Wirkunng der Besteuerung von Spitzeneinkommen und die Selektionstheorie der Lohnbildung

In einer interessanten Untersuchung gehen Daniel Keniston und  Abigail Peralta der Frage nach, ob hohe Steuern Superstars dazu veranlassen weniger zu arbeiten. Sie schreiben:

Wir testen diese Hypothese anhand vollständiger Daten zum Arbeitsangebot von Hollywood-Filmstars von 1927 bis 2014. Änderungen der Grenzsteuersätze in hohen Steuerklassen haben keinen signifikanten Einfluss auf die Anzahl der Filme, die ein Filmstar pro Jahr dreht. In Jahren mit hohen Steuern produzieren die Stars jedoch mehr hoch bewertete Filme mit preisgekrönten Regisseuren, wobei sie möglicherweise prestigeträchtige Filme gegen finanzielle Gewinne eintauschen.

Mit anderen Worten:  Die Arbeitsleistung (Zahl der Filme) ändert sich durch schärfere Besteuerung nicht, jedoch verbessert sich die Qualität der Filme.

Dass die Arbeitsleistung nicht zurückgeht und die Qualität erhöht wird war zu erwarten, denn bei der Bezahlung von Superstars handelt es vermutlich um Selektionslöhne, eine spezielle Art von Effizienzlöhnen (siehe hier und hier). Solche Löhne dienen nicht der Kompensation von Arbeitsleid sondern sind so bemessen, dass sie konkurrierende Lohngebote anderer Interessenten übertreffen. Die Studios wählen die Entlohnung unter dem Gesichtspunkt, dass eine höhere Bezahlung es ermöglicht, ein größeres und qualitativ besseres Bewerberfeld in Betracht zu ziehen und entsprechend erfolgreichere Filme zu produzieren. Die Bezahlung wird dann letztlich so festgesetzt, dass die finanziellen Kosten höherer Bezahlung zwecks besserer Besetzung gerade durch die zusätzlichen Einnahmen  wettgemacht werden, die durch die so ermöglichte bessere Filmqualität erzielt werden können. Kurz: Die Filmstudios konkurrieren um die Qualität der Schauspieler. Das treibt die Entlohnung der besonders guten - der Superstars - in die Höhe.

Wenn die Besteuerung erhöht wird, bleiben die bestverdienenden Schauspieler weiterhin die bestverdienenden Schauspieler. Sie werden zwar höher besteuert, ihre Rangfolge nach Entlohnung bleibt jedoch erhalten. Diese Schauspieler schauspielern nicht des Lebensunterhalts willen sondern aus Neigung, aus künstlerischer Berufung und wegen der künstlerischen Anerkennung und auch um des künstlerischen Ruhmes und Erfolgs willen. Insofern ist nicht verwunderlich, dass die Zahl der Filme bei Erhöhung der Besteuerung nicht zurückgeht. Kenison und Peralta veranschaulichen dies mit sehr schönen Beispielen. Sie erwähnen z.B. dass George Clooney eine Gage von 3 Dollar für das Schreiben, die Regie und die Hauptrolle in "Good Night, and Good Luck" akzeptiert hat, ein Film, der später für 6 Oscars nominiert wurde.

Jedoch verringert eine höhere Besteuerung die Selektionswirkung höherer Lohngebote, denn diese werden zum Teil weggesteuert und erreichen damit die Schauspieler nur in geringerem Maße als bei niedrigerer Besteuerung. Damit gewinnen andere Gestaltungen des Arbeitsumfelds größeres Gewicht auch bezüglich der Selektionswirkungen: Eine bessere Ausstattung, ein besserer Regisseur oder eine bessere Filmmusik, beispielsweise, können einen Superstar dann überzeugen, ein in diesen Hinsichten besseres Projekt gegenüber einer finanziell attraktiveren vorzuziehen. Entsprechend werden die Studios diese Aspekte stärker bei Ihrer Planung berücksichtigen. Wenn die Wirkung höherer Bezahlung durch höhere Besteuerung beschnitten wird, werden die anderen selektionsrelevanten Aspekte in stärkerem Ausmaß gewichtet. Das macht verständlich warum die Filmqualität durch höhere Besteuerung positiv beeinflusst wird. Wie die Autoren bemerken, legt dieses Reaktionsmuster nahe: Hohe Steuern führen dazu,  dass gut verdienende Künstler Qualität gegenüber lukrativeren "Blockbuster"-Filmen bevorzugen.

Die Verfasser erwarten ähnliche Ergebnisse bei den Spitzenverdienern. Ich würde das ebenfalls erwarten, z.B. bei Spitzenmanagern.

Angebots-Nachfrage-Theorie und Selektionslöhne

Die Verfasser interpretieren ihren Befund nicht im Rahmen der Selektionstheorie, wie ich das hier gemacht habe, sondern gemäß der konventionellen Angebots-Nachfrage-Theorie.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen diesen beiden theoretischen Gesichtspunkten bezieht sich auf den Markträumungsmechanismus:

Angebots-Nachfrage-Theorie. Diese Theorie betrachtet Arbeitsmärkte, bei denen die Arbeitsanbieter alle in gleicher Weise die Tätigkeit durchführen können. Wenn mehr Arbeitskräfte gesucht werden als vorhanden sind, werden die Unternehmungen mit erhöhten Lohngeboten um diese Arbeitskräfte konkurrieren. Wer jedoch arbeitet, ist für die Arbeitgeber gleichgültig, sei es deshalb, weil die Arbeitsleistung eines einzelnen Arbeitnehmers technisch vorgegeben is, wie etwa am Fließband, oder weil die Entlohnung strikt nach Leistung erfolgt, wie etwa bei den kalifornischen Erntehelfern nach Menge der geernteten Früchte oder in den vorindustriellen Bergwerken nach Menge der geschlagenen Kohle.

Selektionstheorie. Hier wird angenommen, dass die Unternehmungen sowohl mit Lohngeboten als auch mit Qualifikationsanforderungen auf Ungleichgewichte reagieren. Wenn also zu wenig Arbeitskräfte vorhanden sind um die vorhandenen Jobs zu füllen, werden die Unternehmungen höhere Löhne bieten und zugleich die Qualifikationsanforderungen senken. Umgekehrt werden sie bei einem Angebotsüberhang die Lohngebote senken und die Qualifikationsanforderungen erhöhen. Der Grund liegt in der Heterogenität der Arbeitskräfte. Die verschiedene Arbeitskräfte die für einen Job zur Verfügung stehen, sind zwar alle geeignet, den Job zu erledigen,  sie können das aber unterschiedlich gut. (Es gibt unterschiedlich gute Verkäufer, unterschiedlich gute Ingenieurinnen, und so weiter. Die Unternehmungen sind nicht indifferent zwischen den verschiedenen Bewerbern, wie die Angebots-Nachfrage-Theorie  stillschweigend unterstellt, sondern versuchen, bei Einstellungsgesprächen  die besten Bewerberinnen herauszufiltern. Bei höheren Lohngeboten verbessert sich diese Auswahl. Das Lohngebot wird aber typischerweise nicht so stark gesenkt, dass gerade noch ein Bewerber für eine offene Stelle zur Verfügung steht. Der Markt wird also typischerweise nicht geräumt. Der Selektionseffekt führt zu einer Reihe von Regelmäßigkeiten bei der Lohnbildung, die in der einfachen Angebots-Nachfrage-Theorie keinen Platz haben, wie etwa höhere Löhnen in Ballungsgebieten, Firmengrößeneffekten und Industrieeffekten bei der Lohnbildung, Lohndiskriminierung und anderes.)  

Die Selektionstheorie greift, wenn Heterogenität der Arbeitskräfte vorliegt, was gewiss bei Filmstars oder bei Managern zutrifft, aber auch für viele einfachere Arbeiten -- Verkäufer, Klempner, Schlosser, Bauarbeiter, Programmierer etc. -- gilt, da auch hier deutliche Leistungs- und Fähigkeitsunterschiede anzutreffen sind.

Die beiden Theorieansätze unterscheiden sich zudem diametral bezüglich der zu erwartenden Wirkung einer schärferen Besteuerung auf die Lohnungleichheit vor Steuern: Bei Selektionslöhnen wird sie reduziert. Wenn sich jedoch die Löhne gemäß dem Angebots-Nachfrage-Schema bilden würden, würde sich die Lohnungleichheit vor Steuern vergrößern. In einer gross angelegten OECD-Studie für ganze Wirtschaften - nicht nur für Spitzenverdiener, wurde gefunden, dass eine höhere Besteuerung die Lohnungleichheit vor Steuern reduziert. Dies steht im Einklang mit der Selektionstheorie (und allgemeiner auch der Effizienzlohntheorie) und legt nahe, dass diese nicht nur für Superstars und Spitzenmanager, sondern auch für viele andere Berufe von Bedeutung ist. Ich habe dies in einem früheren Blog besprochen. 

Anmerkung

Die Selektionstheorie geht auf zwei Arbeiten von Melvin Reder zurück (hier und hier). Ich spreche deshalb auch oft in diesem Zusammenhang von "Reder-Wettbewerb", siehe hier.





Sonntag, 11. März 2018

Überqualifikation

Nancy Kracke schreibt auf dem IAB-Forum:
Rund 23 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind nicht entsprechend ihrer beruflichen Qualifikation beschäftigt. Dies zeigen Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahre 2016. Deutschland liegt damit leicht über dem Durchschnitt aller OECD-Staaten.
Überqualifizierung liegt vor, wenn die in der Ausbildung erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen die Anforderungen der ausgeübten Beschäftigung übersteigen. Das bedeutet, dass individuelle und gesellschaftliche Bildungsinvestitionen nur teilweise beruflich verwertet werden können.

Diese Beobachtung spricht, ähnlich wie der Zusammenhang von Lohnbesteuerung und Lohnungleichheit, wiederum gegen die Sicht, dass sich die Lohnbildung nach dem Angebots-Nachfrage-Schema vollzieht und liefert ein weiteres starkes Indiz für Effizienzlohnbildung.

Genauer: Nach dem Angebots-Nachfrage-Schema müsste ein Überangebot von Arbeitskräften mit einer bestimmten Qualifikation die Entlohnung für diese Arbeitskräfte drücken bis das Überangebot verschwunden ist. Das ist aber offenbar nicht der Fall. Wenn die Unternehmungen jedoch in einem Wettbewerb um die besonders fähigen Arbeitskräfte mit einer bestimmten Qualifikation die Löhne gegenseitig hochschaukeln entsteht Überqualifikation. Angesichts der hohen Bezahlung derer, die qualifikationsadäquat beschäftigt werden lohnt sich die Ausbildung auch dann, wenn man damit rechnen muss, nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit einen der hochbezahlten Jobs zu ergattern und ansonsten mit einer etwas weniger anspruchvollen und schlechter bezahlten Tätigkeit vorlieb nehmen zu müssen, die geringere Qualifikationsanforderungen hat. Ich habe das hier  und hier akademisch und hier und hier  etwas weniger akademisch erläutert.

Sonntag, 16. April 2017

Lohnspreizung und Effizienz

Der Armuts- und Reichtumbericht der Bundesregierung hat dankenswerterweise auf das Problem der Lohnspreizung hingewiesen: Die Reallöhne im unteren Lohnbereich sind seit 1995 deutlich zurückgegangen, die im oberen Lohnbereich dagegen deutlich gestiegen:


Diese Tatsache, die m.E. eine Hauptursache für die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung in vielen westlichen Ländern darstellt, wurde lange ignoriert. Der Sachverständigenrat, dem bereits 2012 eine Expertise zu diesem Thema vorlag, die nachdrücklich auf diese besorgniserregende Entwicklung hingewiesen hatte, hat das Problem einfach übergangen und ignoriert. Ich selbst habe mich in mehreren Veröffentlichungen, beginnend 2007, theoretisch mit dieser Entwicklung auseinandergesetzt und insbesondere die damals und auch heute noch vorherrschende Sicht kritisiert, dass diese Entwicklung hauptsächlich durch  einen zunehmenden Knappheit an hochqualifizierten Mitarbeitern erzeugt wäre. Dem steht der emprische Sachverhalt einer zunehmenden Überqualifikation in allen Arbeitsmarktsegmenten entgegen. Meine Sicht ist, dass durch den Abbau von Routinetäötigkeiten in allen Arbeitsmarktsegmenten die Produktivitätsdifferenzen zwischen Mitarbeitern auf allen Qualifikationsstufen immer bedeutsamer werden, die Unternehmungen zu einer Konkurrenz um besonders leistungsfähige Mitarbeiter anreizen, und dass dies dann die (volkswirtschaftlich sinnlosen und allokativ sogar schädlichen) überzogenen Lohndifferentiale bewirkt.

Die Autoren, die einen wesentlichen Beitrag zur Ungleichheitsdebatte geliefert und sorgfältig diskutiert haben, haben diese Problematik übersehen. Sie sind der Meinung, dass der Rückgang der Tatrifbindung ein wesentlicher Faktor sei und sehen die These des "skill-biased technological progress" mit Skepsis. Dem allen kann ich, jedenfalls als Vermutung, zustimmen. Zusätzliche Investitionen in Bildung und Qualifikation, so wünschenswert sie in anderer Hinsicht sein mögen, werden allerdings aus meiner Sicht die Lohnspreizung eher verstärken als dämpfen.

Ich habe versucht, meine theoretischen Überlegungen in etwas allgemeinverständlicher Weise darzustellen. Wen das interessiert, der kann hier,  hier und hier  nachschauen.

Samstag, 14. Mai 2016

Das Problem der Überqualifikation

Inga Michler schreibt in Die Welt:

Top-Akademiker putzen das Möbelhaus, ein Kapitän kontrolliert Pässe, ein Ingenieur fährt Taxi. Jeder siebte Deutsche ist überqualifiziert. Die Gründe für die Job-Missverständnisse sind teils bitter. ... Aktuellen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge arbeiten mehr als 15 Prozent aller Beschäftigten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus.
Das ist kein speziell deutsches Problem sondern ist in vielen Industrieländern aufgetreten. Glenda Quintini von der OECD hat dies wohlbekannte Phänomen erneut untersucht und  kommt zu dem Schluß:
Unsere Meta-Analyse zeigt, dass über 35% der schwedischen Arbeitskräfte überqualifiziert sind, verglichen mit nur 10% in Finnland. Die meisten anderen OECD-Länder liegen zwischen diesen Extremen.
Tatsächlich hat die Überqualifikation im Zuge der Bildungsexpansion zugenommen. Die Zahl der gut qualifizierten ist schneller gewachsen als der Bedarf. Das hat dann zu zunehmender Überqualifikation  geführt.

Man würde gemäß einer einfachen Angebots-Nachfrage-Theorie erwarten, dass ein zunehmendes Überangebot bei höheren Qualifikationen dazu führt, dass die Lohndifferenz zwischen höher qualifizierten und geringer qualifizieren Arbeitskräften - die "Lohnspreizung" - abnimmt, aber das Gegenteil war der Fall: Die Lohnspreizung hat massiv zugenommen. Das deutet darauf hin, dass die Unternehmungen sogenannte "Effizienzlöhne" zahlen. Solche Löhne kommen bei Heterogenität der Arbeitskräfte zustande: Wenn die Bewerber unterschiedlich leistungsfähig sind und man bessere Bewerber bekommen möchte, wird man um diese besseren Arbeitskräfte mit den anderen Unternehmungen mittels höherer Lohngebote konkurrieren, auch bei Überangebot. Eine Unternehmung, die das Überangebot zu Lohnsenkungen nutzen möchte, wird zwar hinreichend viele hinreichend qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen können, aber nicht die besonders leistungsfähigen. Unter solchen Bedingungen wird man dann auch bei Überangebot keine Lohnsenkungen erwarten.

Wenn man nun bedenkt, dass, anders als bei Fließbandtätigkeit, die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit bei sogenannten "nicht-algorithmischen" Aufgaben, wie etwa bei Ingenieuren, Architekten oder Verkäufern eine große Rolle spielen und der Anteil derartigen Tätigkeiten in allen Berufsfeldern im Zuge des Technischen Fortschritts zugenommen hat, weil die repetitiven "algorithmischen" Tätigkeiten, wie etwa die manuelle Buchführung, abgenommen haben, wird die zunehmende Lohnspreizung verständlich. Die Ausbildungs- und Qualifikationsprämien nehmen zu. Das macht die Ausbildung attraktiver. Dies führt zu zunehmender Überqualifikation, welche dann aber letztlich die Attraktivität des Qualifikationserwerbs mindert, wegen des Risikos, letztlich keine ausbildungsadäquate Tätigkeit zu erhalten. Ich habe dies hier dargelegt.

Natürlich ist Überqualifikation ökonomisch und sozial schädlich. Um sie einzudämmen müssen Maßnahmen zur Reduktion der Lohnspreizung, also der Lohnungleichheit, getroffen werden. Damit könnte der Erwerb von Qualifikation über das erforderliche Ausmaß hinaus weniger attraktiv gemacht werden. Eine derartige Maßnahme wäre, die Progressivität der Besteuerung zu erhöhen. Kollektive Lohnsetzung könnte ebenfalls in Richtung auf mehr Gleichheit wirken und das Problem der Überqualifikation abmildern.

Ergänzung (30.5.2016): Die vorhandene Überqualifikation verbessert die Möglichkeiten zur Integration von gering qualifizierten Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt.