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Sonntag, 29. August 2021

Wie reagiert das Wohlbefinden auf Einkommenserhöhungen oder Einkommensverringerungen?

 Richard Easterlin bemerkt dazu

Die Antwort ist, dass die Menschen ihre Einkommenssituation unterschiedlich bewerten wenn die Wirtschaft expandiert oder wenn sie schrumpft. Wenn im Zuge des Wirtschaftswachstums die Einkommen im Allgemeinen steigen, wird die Bewertung von "sozialem Vergleich" dominiert - was mit den Einkommen der anderen geschieht. Ein Anstieg des Einkommens der anderen untergräbt die Tendenz, dass die Zufriedenheit  mit dem eigenen Einkommen wächst - die Zufriedenheit bleibt dann ziemlich konstant. Aber in einer Rezession, in der die Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben, ihren festen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, ändert sich die Einkommensbewertung. Die finanzielle Klemme -- der Rückstand gegenüber dem zuvor erzielten Einkommen -- nimmt zu. Je größer der Rückstand, desto geringer ist die Zufriedenheit.

Es besteht also eine Asymmetrie bei der Bewertung von Einkommensänderungen, je nachdem ob das Einkommen steigt oder fällt. Dies führt zu einer entsprechenden Asymmetrie in der Reaktion der Zufriedenheit auf Einkommensveränderung.

In einer sehr groß angelegten Studie von DeNaeve und anderen (2018) ist dieser Effekt nachdrücklich bestätigt worden. (Duesenberry hatte bereits 1949 auf diesen "Sperrklinken-Effekt" als empirisches Phänomen hingewiesen, der auch auf den Konsum durchschlägt.) 

Bei Einkommenssteigerungen steigt also das Wohlbefinden, bei Einkommensverringerungen fällt es. Man könnte nun daraus schließen, dass langfristig das Wohlbefinden im Durchschnitt zunimmt wenn das Einkommen im Durchschnitt wächst. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Die Autoren bemerken:

Negative Wachstumsjahre sind signifikant mit einer Abnahme von Glück und Freude und einer Zunahme von Sorgen und Stress verbunden, die die Befragten während dieser Zeiträume erfahren. Positives Wachstum geht aber nicht mit mehr Glück und Freude einher.

Die Autoren veranschaulichen das mit der folgenden Graphik:

Der (schematische) Zusammenhang zwischen Einkommen und Wohlbefinden (Link).

Also wiederum eine Bestätigung von Duesenberry's Relativeinkommenshypothese - siehe meine früheren Posts hier, hier und hier - nun mit einer detaillierteren Darstellung des zeitlichen Mechanismus.

Mittwoch, 1. Mai 2019

Duesenberry im Originalton

In zwei früheren Posts (hier und hier) habe ich auf die bleibende Aktualität von James Duesenberrys Relativeinkommenshypothese hingewiesen. Da es immer wieder lohnend ist, in die Originalquellen hineinzuschauen, hier einige Passagen aus Duesenberrys Buch "Income, Saving, and the Theory of Consumer Behavior", aus Kapitel III ("Eine Neuformulierung der Spartheorie), Abschnitt 5 ("Die soziale Bedeutung des Konsums"), S. 28-32, übersetzt mit Hilfe von DeepL Translator. Wenn man Duesenberrys Ausführungen mit den entsprechenden Passagen zur Konsumtheorie in irgendeinem modernen makroökonomischen Lehrbuch vergleicht sieht man: Dazwischen liegen Welten! Die moderne "abstrakte" Darstellung erscheint gegenüber der "realistischen" Darstellung Duesenberrys als geradezu naiv. ( Die zahlreichen Fußnoten mit Belegstellen as der sozialpsychologischen, soziologischen und psychologischen Literatur habe ich weggelassen. Der interessierte Leser sollte für ein genaueres Studium auf jeden Fall das Original heranziehen.)

"Der Mechanismus kann wie folgt beschrieben werden. Wenn die Erreichung eines Ziels zu einem allgemein anerkannten gesellschaftlichen Ziel wird, wird die Bedeutung der Erreichung dieses Ziels durch den Sozialisierungsprozess in den Köpfen aller verankert. Psychoanalytisch gesehen ist das Ziel in das Ich-Ideal integriert. Wenn dies der Fall ist, wird das Erreichen eines bestimmten Grades an Erfolg bei der Erreichung des Ziels für die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls unerlässlich. Die Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls ist ein Grundantrieb in jedem Einzelnen. Tatsächlich entstehen viele psychologische Probleme aus dem Konflikt zwischen den Anforderungen des Selbstwertgefühls, z.B. der Erreichung eines Ziels oder der Beachtung eines Verbots auf der einen Seite und den Anforderungen eines anderen Ziels auf der anderen Seite. Wir müssen nicht die Existenz des Strebens nach Selbstwertgefühl in Frage stellen, sondern uns auf die Art von Aktivität konzentrieren, die es  erfordert. Es scheint ziemlich offensichtlich zu sein, dass die Verbesserung des Lebensstandards mit der Verbesserung der Qualität der konsumierten Waren identisch ist. In einer Gesellschaft, in der die Verbesserung des Lebensstandards ein soziales Ziel ist, wird der Drang zur Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls zu einem Drang nach höherwertigen Gütern. Dieser kann ganz unabhängig davon wirken ob die Güter nun unter einem anderen Gesichtspunkt erwünscht sind oder nicht.

Die Bedeutung des Strebens nach einem höherem Lebensstandard - also nach dem Kauf hochwertiger Güter - wird in unserer Gesellschaft durch die Merkmale unserer Sozialstruktur verstärkt. Wir sind eine Gesellschaft, die formal klassenlos ist, aber dennoch durch ein differenziertes System gekennzeichnet ist, nach dem sich der soziale Status bestimmt. Es gibt eine Reihe von Kriterien zur Erreichung eines relativ hohen Status, von denen die wichtigsten wohl beruflich sind. Erfolg (was in den meisten Fällen hohes Einkommen bedeutet oder aber mit hohen Einkommen einhergeht), die Mitgliedschaft in Berufsgruppen von relativ hohem Prestige und familiäre Verbindungen. Der letzte Faktor ist wahrscheinlich nur in kleinen Gemeinden oder bei Personen mit extrem hohem Status von großer Bedeutung. Das Erreichen eines bestimmten Status erfordert auch die Fähigkeit, die Verhaltensstandards anderer Mitglieder von hochrangigen Gruppen zu erfüllen. So ist es möglich, dass einige Personen mit niedrigem Einkommen einen sehr hohen Status beibehalten, während andere mit sehr hohem Einkommen möglicherweise nicht die höchsten Positionen erreichen. Im Allgemeinen scheint es jedoch, dass das Einkommen eines der wichtigsten Statuskriterien ist. Prestige geht an erfolgreiche Menschen und Erfolg in unserer Gesellschaft ist eng mit dem Einkommen verbunden. Sobald eine Gruppe von Menschen mit hohem Einkommen als Gruppe mit überlegenem Status anerkannt wird, wird ihr Konsumstandard selbst zu einem der Kriterien für die Beurteilung des Erfolgs. Da fast jede Konsumtheorie mit der Ansicht übereinstimmt, dass einkommensstarke Familien mehr für den Konsum ausgeben werden als einkommensschwache Familien, etablieren sich hohe Konsumstandards als Kriterien für einen hohen Status. Sobald dies geschehen ist, wird es für jeden schwierig, eine hohe Statusposition zu erreichen, wenn er nicht in der Lage ist, einen hohen Konsumstandard aufrechtzuerhalten, unabhängig von seinen anderen Qualifikationen.

Der Antrieb zu hohen Konsumstandards wird durch das hohe Maß an sozialer Mobilität in unserer Gesellschaft noch verstärkt. In einer Gesellschaft, in der die Kriterien für den Status in Bezug auf die Geburt sind, ist es für einen Einzelnen unmöglich, seinen Status zu erhöhen. Dann wird das Streben nach einem hohen Konsumstandard als Mittel zur Erreichung eines hohen Status geschwächt.

Außerdem ist unsere Gesellschaft nicht geschichtet, d.h. sie hält keine starken Barrieren gegen die Assoziation von Personen mit unterschiedlichem Status aufrecht. Das bedeutet, dass die Häufigkeit, mit der ein Mensch schmerzende Vergleiche zwischen der Qualität seines Lebensstandards und dem anderer zieht, stark erhöht wird. Natürlich bedeutet die Existenz des sozialen Status fast per Definition, dass jeder Einzelne dazu neigt, sich mit anderen Personen mit fast gleichem Status zu identifizieren. Da die sozialen Statusrankings in unserer Gesellschaft jedoch eine kontinuierliche Serie und nicht eine Reihe klar definierter Gruppenrankings bilden, muss sich jeder Einzelne mit einigen Personen mit höherem und anderen mit niedrigerem Status als seinem eigenen identifizieren. Notgedrungen vergleicht er dann jeder Einzelne, gemäß den herrschenden sozialen Normen den eigenen Lebensstandard und dem von anderen in höheren oder niedrigeren Statuspositionen. Jeder ungünstige Vergleich dieser Art führt zu einem Kaufimpuls zur Erhöhung des Lebensstandards um den den unangenehmen Vergleich zu beseitigen.

Unser soziales Ziel eines hohen Lebensstandards verwandelt also den Drang nach Selbstwertgefühl in einen Drang, qualitativ hochwertige Waren zu erhalten. Die Möglichkeit der sozialen Mobilität und die Anerkennung der Aufstiegsmobilität als soziales Ziel verwandelt den Antrieb zum Selbstwertgefühl in den Wunsch nach einem hohen sozialen Status. Da ein hoher sozialer Status jedoch die Aufrechterhaltung eines hohen Konsumniveaus erfordert, wird der Antrieb wieder in einen Antrieb umgewandelt, um qualitativ hochwertige Waren zu erhalten. In beiden Fällen funktioniert der Antrieb durch Minderwertigkeitsgefühle, die durch ungünstige Vergleiche zwischen den Lebensstandards hervorgerufen werden. Die Stärke solcher Gefühle, die ein Individuum erleidet, variiert mit der Häufigkeit, mit der es einen ungünstigen Vergleich zwischen der Qualität der von ihm verwendeten Waren und der von anderen verwendeten Waren anstellen muss. Diese Häufigkeit wird, wie wir bereits gezeigt haben, vom Verhältnis seiner Ausgaben zu denen anderer abhängen, mit denen er in Kontakt kommt.

Angesichts dieser Überlegungen scheint es durchaus möglich, dass nach Erreichen eines Mindesteinkommens die Häufigkeit und Stärke der Impulse zur Erhöhung der Ausgaben für eine Person ganz und gar vom Verhältnis ihrer Ausgaben zu den Ausgaben derjenigen abhängt, mit denen sie verbunden ist. Es wird nicht möglich sein, einen schlüssigen Beweis für diese Hypothese zu erbringen, aber es wird möglich sein, zu zeigen, dass sie eine sehr plausible Arbeitshypothese liefert. Aus diesem Grund erscheint es wünschenswert, die volle Tragweite der Hypothese herauszuarbeiten. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, eine Grundlage zu finden, auf der die Kräfte, die zu Ausgabenimpulsen führen, mit denen verglichen werden können, die zur Ablehnung dieser Impulse führen.

Die Analyse der Kräfte, die zu Konsumimpulsen führen, zeigt, dass diese entstehen, wenn ein Individuum seinen Lebensstandard mit dem eines anderen ungünstig vergleicht. Wenn diesen Impulsen nicht nachgegeben wird, ist der Einzelne mit seiner Position unzufrieden. Für einen Verbraucher hängt die Anzahl der Impulse, mehr zu konsumieren, vom Verhältnis seiner Ausgaben zu den Ausgaben anderer Personen ab. Unzufriedenheit entsteht durch die Ablehnung von Ausgabenimpulsen. Folglich ist die Unzufriedenheit mit einer Person mit ihrem Konsumniveau eine Funktion des Verhältnisses ihrer Ausgaben zu denen der Menschen, mit denen sie sich vergleicht.

Wenn also Ci die Verbrauchsausgaben einer Person und Ui sein Nutzenindex ist, können wir Ui=Ui[Ci/(ΣαijCj)] schreiben, wobei Cj der Verbrauch der j-ten Person und αij das Gewicht ist, das der i-te Verbraucher auf die Ausgaben der j-ten verwendet. Dieses sagt natürlich nur aus, wie sich der Nutzenindex in Hinblick auf den laufenden Konsum ändert. Wir müssen jetzt überlegen, wie er durch die Ersparnis beeinflußt wird."

An diese Ausführungen schließt sich ein Abschnitt über das Sparen ein, wo die Bedeutung des Vermögens nicht als Relativvermögen (wie bei Gruber), sondern als Vermögen relativ zum beobachtbaren Konsum gesehen wird. (Das Vermögen in der Bezugsgruppe kann ja nicht leicht beobachtet werden.)

Ken McCormick hat recht: Duesenberry war ein "behavioral conomist" (was ich mit "realistischer Ökonom" übersetzen würde) -- er war aus heutiger Sicht seiner Zeit weit voraus.

Nebenbei: Die nutzentheoretische Darstellung im letzten Absatz bei Duesenberry finde ich problematisch. Sie suggeriert eine Darstellung nach dem Schema "keeping up with the Joneses" oder "mit den Müllers schritthalten", wie sie sich auch im Titel von Grubers Beitrag findet, die aber von Duesenberry nicht intendiert war, wie aus der zitierten Passage hervorgeht.


Samstag, 16. März 2019

Eine erneute Bestätigung der Relativeinkommenshypothese

In einem früheren Blog habe ich mich über die jahrzehntelange Vernachlässigung von Duesenberrys Relativeinkommenshypothese (mit einer total schwachen Begründung von Friedman) lustig gemacht. Inzwischen wendet sich das Blatt. Die Relativeinkommenshypothese findet zusehends mehr Beachtung. Ein schönes und sehr überzeugendes Beispiel  findet sich in einer umfangreichen Studie von Noam Gruber. Er bezieht in seine Betrachtung nicht nur das relative Einkommen sondern auch das relative Vermögen ein und fasst seinen Beitrag wie folgt zusammen:
Diese Studie verwendet Daten aus der chinesischen Haushaltsumfrage um zu zeigen, dass Haushalte mit hohem Einkommen nicht nur mehr sparen, sondern auch, dass sich die relevante Höhe des Einkommens nicht nach dem absoluten Einkommen bemisst, sondern relativ zum lokalen Durchschnittseinkommen bestimmt. Das heißt, bei einem bestimmten Niveau des verfügbaren Einkommens verbrauchen die Haushalte in der Regel an Standorten mit hohem Durchschnittseinkommen ceteris paribus mehr von ihrem Einkommen. Das lokale Durchschnittseinkommen wird für Städte geschätzt, und das relative Einkommen jedes Haushalts wird als das Verhältnis des Einkommens des Haushalts zu diesem lokalen Durchschnittseinkommen berechnet. Es wird dann gezeigt, dass die Sparquote eines Haushalts stärker mit seinem relativen Einkommen korreliert ist als mit seinem absoluten Einkommen. Dies kann sowohl für das von den Haushalten gemeldete Einkommen als auch, unter Verwendung von Bildung als Instrument, für das permanente Einkommen der Haushalte gezeigt werden.

Um dieses relativistische Haushaltsverhalten zu erklären, schlägt diese Studie eine hybride Nutzenfunktion vor, die den Nutzen von Reichtum […] und von relativer Konsum […] einbezieht. Durch Analysen und Simulationen wird gezeigt, dass dieser Hybrid-Nutzenfunktion höhere Sparquoten durch einkommensstarke Haushalte generiert. Darüber hinaus repliziert es den empirisch beobachteten [positiven]Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und aggregierten Sparquoten.
Sehr beeindruckend!

Literatur:

Noam Gruber, "Keeping up with the Zhangs: Relative income and wealth, and
household saving behavior", Journal of Macroeconomics 55 (2018) 77–95,

Eine ungeschützte (und weniger gut lesbare) Vorfassung findet sich hier:



Samstag, 24. Januar 2015

Warum sind Hochzeiten und Häuser so absurd kostsspielig geworden? Wegen der Ungleichheit.



Robert Frank hat kürzlich in einem Blog auf einen wichtigen, aber typischerweise in der Diskussion um die wachsende Ungleichheit vernachlässigten Gesichtspunkt hingewiesen. Hier die Übersetzung ohne weiteren Kommentar. (Ich stimme nicht in jedem Detail mit Frank überein, teile jedoch seine Grundthese.) Er schreibt:


Sean Lowe and Catherine Giudici aus der Fernsehshow The Bachelor übertragen ihre Hochzeit 2014 live im Fernsehen. (Todd Wawrychuk/ABC via Getty Images)


Ich befasse mich  seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema Ungleichheit, einem Thema, das stets eine völlig untergeordnete Rolle gespielt hat. Es ist deshalb schön zu sehen, dass die Thematik nunmehr erneut und mit großem Nachdruck in die politische Diskussion Eingang findet.

Aber ein wichtiger Gesichtspunkt fehlt. Die Analysen drehen sich fast ausschließlich um Gerechtigkeitsfragen. Diese sind gewiss wichtig, aber eine ausschließliche Betonung dieses Gesichtspunktes lässt die Verteilungsfrage als einen Nullsummen-Wettbewerb zwischen den Einkommensklassen erscheinen. Das entspricht der herkömmlichen Vorstellung die besagt dass Ungleichheit für die Reichen gut und für die Armen schlecht ist. Die Reichen sollten sich mithin für mehr Ungleichheit und die Armen für weniger Ungleichheit einsetzen. Aber diese herkömmliche Ansicht ist unzutreffend.

Große Ungleichheit ist für die Reichen ebenfalls schlecht,  aus Gründen die nichts mit Ungerechtigkeit zu tun haben. Außerdem führt Ungleichheit zu einer extremen Vergeudung von Ressourcen, wie ich ebenfalls erläutern möchte.

Es lässt sich  leicht zu zeigen, dass die wachsenden Einkommensunterschiede nicht nur das Leben für die Armen, sondern auch für die scheinbaren Gewinner, die Reichen, erschwert. Eine einfache Änderung der Steuerpolitik könnte diese Wohlfahrtsverluste reduzieren und dabei jährliche Vorteile in Milliardenhöhe bewirken. Wenn Ihnen diese Behauptung abwegig erscheint, werden Sie überrascht sein zu erfahren, dass sie aus fünf einfachen Prämissen folgt.
 

1) Bezugsgrößen sind sehr wichtig

Welche der beiden vertikalen Linien in der folgenden Zeichnung ist länger?



Wenn Sie einen Trick vermuten, werden Sie vermutlich antworten dass beide gleich lang sind, aber wenn Sie wirklich SEHEN dass sie gleich lang sind, wäre eine neurologische Untersuchung angebracht. Für das menschliche Gehirn erscheint der rechte Strich länger -- wegen seiner Position zu den anderen Linien.

Die Ökonomen haben kaum in Rechnung gestellt, dass ähnliche Bezugsgrößeneffekte unsere Einschätzung von praktisch allen Gütern beeinflussen, die wir kaufen. Vor langer Zeit lebte ich als Freiwilliger des Peace Corps in Nepal in einem Haus mit zwei Zimmern, ohne Elektrizität und fließend Wasser. In den Vereinigten Staaten würden sich meine Kinder vor ihren Freunden darüber schämen, aber in Nepal war das völlig in Ordnung und ich habe nie gezögert, Freunde einzuladen.

Wenn meine Freunde aus Nepal mein Haus in Ithaca (NY) sehen würden, würden sie mich für übergeschnappt halten und sich fragen warum irgendwer solch ein grandioses Haus haben wollte. Warum so viele Schlafzimmer? Aber die meisten Amerikaner sehen das anders. Derartige unterschiedliche Haltungen ergeben sich ganz natürlich daraus, dass unsere Einschätzungen sehr stark davon abhängen was wir um uns herum sehen. Eine direkte Konsequenz davon ist diese:

2) Die Ausgaben jeder Person sind teilweise davon beeinflusst, was andere ausgeben

Die üblichen ökonomischen Modelle nehmen an, dass die Ausgaben jeder Person vollständig unabhängig davon sind, was andere ausgeben.

Wenn aber Bezugsgrößeneffekte wichtig sind, kann das nicht zutreffen. Leute geben mehr aus wenn ihre Freunde und Nachbarn mehr ausgeben. Dies ist keine neue fantastische Entdeckung jungen Ökonomen. Es ist ein Zusammenhang der eigentlich schon immer bekannt war. Oft spricht man davon, dass alle mit den anderen gleichziehen wollen ("keeping up with the Joneses"). Ich selbst finde diese Ausdrucksweise problematisch, denn sie erweckt das Bild unsicherer Personen, die reicher erscheinen möchten als sie sind. Bezugsgruppeneinflüsse würden tatsächlich in einer Welt ohne Neid genauso stark sein, und zunehmende Ungleichheit verstärkt diese Effekte.

Das durchschnittliche neue Wohnhaus in den USA ist gegenwärtig 50 Prozent  größer als  1980, ungeachtet dessen, dass das durchschnittliche Realeinkommen in der Zwischenzeit nur geringfügig zugenommen hat. Wohnhäuser wachsen schneller als die Einkommen. Ich habe den unterliegenden Prozess als  "Einkommenskaskade" bezeichnet.

Ein Wohnhaus mit 1800 Quadratmeter Wohnfläche in Denver. (Jerry Cleveland/The Denver Post via Getty Images)
Das funktioniert wie folgt: Spitzenverdiener bauen größere Wohnhäuser einfach weil sie mehr Geld haben. Möglicherweise ist es üblich geworden, den Hochzeitsempfang der Tochter des Hauses zu Hause zu veranstalten, und deshalb gehört ein Ballsaal zu einer adäquaten Wohnung. Diese großartigen Häuser verändern den Bezugsrahmen für die nicht ganz so reichen, die in den gleichen sozialen Zirkeln Umgang pflegen, und so bauen auch sie größere Häuser.

Indem nun die nicht ganz so reichen in ihren Küchen Arbeitsplatten aus Granit und in ihren Wohnzimmern Gewölbedecken einziehen, verändern sie den Bezugsrahmen der Familien in der oberen Mittelklasse, die sich dann verschulden um Schritt halten zu können. Und so fort, die ganze Einkommensleiter herunter. Höhere Ausgaben bei denen, die es sich leisten können, erzeugt letzten Endes einen Ausgabendruck bei den unteren Einkommensschichten, die es sich nicht leisten können. Man könnte denken, es sei einfach angebracht, die Armen zu ermahnen mehr Disziplin an den Tag zu legen. Aber das wäre ungenügend denn

3) Die Kosten, die entstehen wenn jemand bei seinen Ausgaben mit den gesellschaftlichen Normen nicht Schritt halten kann, beschränken sich nicht auf verletzte Gefühle.

Der oben beschriebene Prozess resultiert nicht daraus, dass die Regierung Gesetze erlassen hat, dass alle größere Häuser kaufen müssten.  Aber wenn das alles freiwillig ist, warum machen die Leute dann mit? Sie machen deshalb mit, weil Nicht-Mitmachen hohe Kosten nach sich ziehen würde, denen man schwerlich ausweichen kann.

Wenn man nicht in den Ausgaben für die Wohnung mit dem sozialen Umfeld mitzieht heißt das nicht einfach nur, dass man in einem Haus wohnt das unangenehm eng ist. Es bedeutet auch, dass man seine Kinder in schlechtere Schulen gehen lassen muss. Was eine "gute" Schule ist kann vielerlei bedeuten, aber die guten Schulen sind fast immer in den besseren und teureren Wohngegenden zu finden.

Der Plackerei-Index, den ich entwickelt habe, erfasst eine wichtige durch Ungleichheit verursachte  Kostenkomponente, die für Mittelklasse-Familien von Bedeutung ist: Wenn eine Miteilklasse-Familie die Kinder auf eine mindestens durchschnittliche Schule schicken möchte, muss sie sie in  einem Haus mittlerer Qualität ("median-priced") in der jeweiligen Wohngegend leben. Der Plackerei-Index gibt die die Zahl der Arbeitsstunden an, die notwendig um das zu erreichen. Als die Einkommen in der Nachkriegszeit in allen Schichten gleichermaßen zunahmen, blieb dieser Index nahezu konstant. Als aber die Ungleichheit ab 1970 massiv zunahm, hat der Plackerei-Index spiegelbildlich zugenommen. Er liegt nun bei 100 Stunden im Monat. 1970 lag er bei 42 Stunden.

Der Plackerei-Index
Der übliche Reallohn für Männer  (Medianlohn)  ist gegenwärtig niedriger als in den achtziger Jahren.  Wenn Familien mit mittlerem Einkommen nun mehr ausgeben müssen als früher um ihre grundlegenden Ansprüche zu befriedigen, wie schaffen sie das? Die offizielle Statistik zeigt auf, das finanzielle Probleme bei diesen Familien zugenommen haben. Unter den 100 größten Bezirken in den USA haben diejenigen, in denen die Ungleichheit am meisten zugenommen hat  ebenfalls Zunahmen bei den drei wichtigsten Indikatoren für finanzieller Schwierigkeiten zu verzeichnen: Scheidungsraten, lange Wege zur Arbeit und Zahlungsunfähigkeit.

In den Ländern der OECD ist höhere Ungleichheit mit längeren Arbeitszeiten verbunden. Die üblichen ökonomischen Theorien liefern keinerlei Hinweise auf diese Regelmäßigkeiten.

Ausgabenkaskaden finden sich in vielerlei Zusammenhängen, beispielsweise bei Feiern zu besonderen Anlässen. Ebenso wie eine "gute Schule" kann auch ein "besonderes Ereignis" vielerlei bedeuten. Um  besonders zu sein, muss es die Erwartungen übertreffen. Die durchschnittliche amerikanische Hochzeit kostet gegenwärtig $30,000, ungefähr doppelt so viel wie  1990. Niemand denkt, dass die Paare, die heute heiraten glücklicher sind weil die Kosten für die Heirat weit höher sind als sie gemeinhin waren.

Die Multimillion-Dollar Geburtstagsjubiläen, wie sie von den reichsten Familien inszeniert werden,  haben ebenfalls die Standards für solche Feste angehoben, die ganze Einkommensleiter hinunter. Viele Kinder aus der Mittelschicht sind enttäuscht, wenn auf Geburtstagsfeiern kein professioneller Clown oder Zauberer auftritt.

Die Bedeutsamkeit des relativen Einkommens ist eine feste Gegebenheit der menschlichen Natur. Kein Biologe wäre davon überrascht,  denn die relative Position war immer der beste Indikator für Fortpflanzungserfolg. Individuen, die sich nicht darum gekümmert haben, wie sie im Vergleich zu anderen abschneiden waren nicht gut an die Konkurrenzbedingungen angepasst unter denen sie evolviert sind. Deshalb werden verantwortungsbewusste Eltern auch nicht versuchen, jedwede Bezugsgruppenorientierung bei ihren Kindern zu unterdrücken.

Aber wenngleich auch Bezugsgruppenverhalten ein wesentlicher Zug der menschlichen Psychologie ist, sind die Konsequenzen des dadurch hervorgebrachten Verhaltens nicht immer nützlich.

4) Bezugsgruppenorientierung erzeugt ressourcenvergeudende Konsummuster auch dann, wenn jeder rational und gut informiert ist

Charles Darwin, der bedeutende englische Naturforscher, war stark durch Adam Smith und andere Ökonomen beeinflusst. Er verstand, dass Wettbewerb in der Natur, genau so wie im Markt, oft Vorteile für die Individuen und die Gruppen bringt -- ähnlich wie in Smiths berühmter Theorie über das Wirken der unsichtbaren Hand. Darwin sah aber auch, dass viele Verhaltensdispositionen Vorteile für Individuen auf Kosten der Gruppe bringen. Wenn der Erfolg auf der relativen Position beruht, wie es in Wettbewerbssituationen fast immer der Fall ist, führt das oft zu ressourcenvergeudendem Wettrüsten.

Nehmen wir das Geweih eines Elchbullen. Es ist über einen Meter breit und wiegt bis zu vierzig Pfund. Weil es die Bewegungsfreiheit in bewaldeten Gebieten hindert, können Wölfe die Bullen leichter umzingeln und zur Strecke bringen. Warum also bringt die natürliche Auslese nicht kleinere Geweihe hervor? Darwins Sicht war, dass größere Geweihe evolviert sind, weil die Elche polygam sind, dass also die männlichen Tiere sich mit mehreren Weibchen verpaaren wenn sie können. Aber wenn einige Bullen Nachkommen mit mehreren Kühen haben, gehen andere Bullen leer aus. Deshalb kämpfen die Bullen so hart um die Weibchen. Mutationen, die zu größeren Geweihen führten waren erfolgreich weil größere Geweihe die Gewinnchancen eines  Bullen verbesserten.

Zwei Elchbullen mit unnötig großen Geweihen. (Duke Coonrad)
 
Es wäre für die Bullen insgesamt von Vorteil, wenn alle halb so grosse Geweihe hätten. Dann wären sie von Raubtieren weniger leicht zu erbeuten, aber die Kämpfe untereinander würden die gleichen Ergebnisse zeitigen. Die Ineffizienz in solchen Rangordnungskämpfen ist völlig analog zur der Ineffizienz, die durch militärisches Wettrüsten entsteht. Wenn jeder sich hinstellt um besser sehen zu können, kann niemand besser sehen als wenn alle bequem in sitzen geblieben wären. Ab einem gewissen Punkt dienen zusätzliche Ausgaben für Häuser, Jubiläumsfeiern und vieles andere nur noch der Sicherung der Rangposition. Sie führen nur dazu, dass die Standards für das, was als angemessen gilt, erhöht werden. Weil nun aber ein Großteil der Ausgaben heutzutage rein Rangordnungsorientiert sind, bedingen derartige Ausgaben, ähnlich wie das Wettrüsten, Ressourcenvergeudung.

Diese Einsichten sind nicht neu. Der niederländische Ökonom Ruut Veenhoven hat in einem Buch 1993 dargelegt, dass Glück und Lebenszufriedenheit in Japan in den drei Jahrzehnten nach 1960 im Wesentlichen unverändert geblieben sind obgleich sich das reale Pro-Kopf-Einkommen in diesem Zeitraum mehr als verzehnfacht hatte. Seine Erklärung war, dass Glück und Lebenszufriedenheit hauptsächlich vom relativen Einkommen abhängen das unverändert bleibt wenn alle Einkommen sich gleichermaßen erhöhen.

Quelle: Ruut Veenhoven, Happiness in Nations, Rotterdam: Erasmus University Press, 1993
Wenn wir jedoch zu irgendeinem Zeitpunkt Einkommen und Glück gegeneinander auftragen, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Der Psychologe Edward Diener und seine Ko-Autoren haben das folgende Bild, das auf US-Daten von 1960 beruht, beispielsweise dahingehend interpretiert, dass Leute mit höheren Einkommen im Durchschnitt glücklicher sind, weil es ihnen, relativ gesehen, gut geht.

Edward Diener, Ed Sandvitz, Larry Seidlitz, and Marissa Diener, "The Relationship Between Income and Subjective Well-being: Relative or Absolute?" Social Indicators Research, 28, 1993: 195-223

Bezugsgruppenverhalten zieht eine unproduktive Verschwendung in Millardenhöhe nach sich. Man kann dem aber einfach entgegenwirken.

5) Eine einfache Änderung des Steuersystems könnte viel unnützes Ausgabenverhalten bremsen

Die Elche verfügen nicht über das kognitive und kommunikative Rüstzeug um etwas gegen ihr Wettrüsten bei Positionskämpfen zu tun. Die Menschen können das und könnten sich auf eine Rüstungskontrolle bei Positionskämpfen einigen. Wir geben so viel für Häuser und Feiern aus weil jeder einzelne keinen Anreiz hat einzubeziehen, wie unser Verhalten das Verhalten anderer beeinflusst.  Durch eine Änderung der Besteuerung können in einfacher Weise unsere Anreize geändert werden ohne dass weitere Eingriffe nötig wären. Wir könnten die gegenwärtige progressive Einkommenssteuer durch eine durch eine wesentlich progressivere Konsumbesteuerung ersetzen.

Das würde so funktionieren: Die Leute würden ihre Einkommenssteuererklärung abgeben wie bisher und zusätzlich Angaben über ihre jährliche Ersparnis machen, ähnlich wie dies jetzt schon bei steuerlich absetzbaren Ausgaben für die Altersvorsorge geschieht. Die jährlichen Konsumausgaben ergeben sich aus dem Einkommen abzüglich der Ersparnis. Beispielsweise würde eine Familie mit einem Einkommen von $100,000, die  $50,000 gespart hat einen jährlichen Konsum von $50,000 haben. Bei einem Freibetrag von  $30,000 betrüge der zu versteuernde Konsum dann $20,000.

Der Steuersatz würde zunächst gering sein, mit zunehmendem Konsum aber ansteigen. Unter dem gegenwärtigen System darf der Spitzensteuersatz nicht zu hoch sein, weil sonst Ersparnis und Investitionen abgewürgt würden. Ein höherer Grenzsteuersatz auf die Ersparnis begünstigt hingegen Ersparnis und Investition.

Eine Konsumsteuer könnte die Superreichen veranlassen, auf ihre Ferrari F 12 Berlinettas zu verzichten. (John Lamparski/WireImage)
Viele Reiche glauben, dass höhere Steuern sie hindern würden, ihre Ansprüche zu erfüllen. Aber wenn alle weniger ausgeben, hat das eine völlig andere Wirkung als wenn eine einzelne Person ihre Ausgaben einschränkt. In einer Gesellschaft mit einer progressiven Konsumsteuer würden die reichsten Autofahrer vielleicht einen Porsche 911 Turbo für $150,000 anstatt eines Ferrari F 12 Berlinetta kaufen, der mehr als doppelt so teuer ist. Da aber alle sich einschränken, würden in dieser Gesellschaft die Porschefahrer genauso begeistert von ihren Porsches sein wie die Ferrarifahrer im gegenwärtigen System.

Noch in einer anderen Hinsicht ist eine progressive Konsumsteuer von Vorteil. Sie würde zusätzliche Einnahmen bringen, mit deren Hilfe die Straßen repariert und besser ausgebaut werden könnten. Im gegenwärtigen System können sich die Reichen ihre Ferraris leisten, aber sie fahren sie auf schlecht unterhaltenen Straßen. Es ist wohl kaum zu bezweifeln,  dass das Fahrerlebnis mit einem Ferrari auf Straßen, die mit Schlaglöchern gespickt sind, weniger befriedigend ist als das mit einem Porsche auf gut unterhaltenen Straßen.

Meine These ist kurz gesagt dass eine einfache Änderung der Besteuerung es ermöglichen würde, Milliarden von Dollars nutzbringender zu verwenden, ohne schmerzhafte Einbußen bei irgend jemandem zu verursachen. Auf den ersten Blick mag diese Behauptung den meisten unplausibel erscheinen. Mein Schlussfolgerung baut jedoch nur auf wenigen Voraussetzungen auf, und keine ist auch nur andeutungsweise kontrovers. Die meisten Einkommenszuwächse sind zu den Spitzenverdienern geflossen, dies sich davon größere Häuser gebaut haben. Es ist gleichermaßen unkontrovers, dass die Vergrößerung aller Häuser über ein gewisses Maß hinaus die Reichen nicht glücklicher gemacht hat. Ebenso wenig wir jemand bestreiten, dass die größeren Häuser bei den Reichen die Ansprüche bei denen mit geringerem Einkommen angehoben haben, und so fort, die ganze Einkommensleiter hinunter.

Es ist auch unkontrovers, dass der finanzielle Druck bei den durchschnittlichen Haushalten es nicht nur schwerer für sie gemacht hat, ihre Rechnungen zu bezahlen, sondern auch für die Regierung die Erhebung von Steuereinnahmen erschwert hat. Dies hat zur Verschlechterung der Infrastruktur und der öffentlichen Dienste geführt. Die größeren Ausgaben für Häuser und Autos haben bei diesen Gütern lediglich die Anspruchsniveaus angehoben. Die Verschlechterung bei der öffentlichen Versorgung hat demgegenüber drastische Nachteile mit sich gebracht.

Es ist aber gut zu wissen, dass die massive Vergeudung von Ressourcen, die durch die zunehmende Ungleichheit bewirkt wurde, leicht gemindert werden kann. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dies jemals in die Tat umgesetzt wird solange unsere politischen Kontroversen sich nicht den praktischen Folgen der Ungleichheit zuwenden.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Ein wissenschaftlicher Rückschritt


Ein schönes Beispiel für die Verdrängung einer guten Theorie durch eine schlechtere Theorie findet sich in der makroökonomischen Konsumtheorie. Hier wurde James Duesenberrys Relativeinkommenshypothese aus dem Jahre 1949 durch Milton Friedmans Permanenteinkommenshypothese aus dem Jahre 1957 vollständig verdrängt in dem Sinne, dass sie in modernen Standard-Lehrbüchern wie etwa dem (ansonsten in vieler Hinsicht ausgezeichneten) Buch von Blanchard und Illing (2004) keine Erwähnung findet.

Bei der hier zu behandelnden Frage geht es um zwei empirische Regelmäßigkeiten. Die erste ist, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt der Anteil der Ersparnis am Einkommen -- die Sparquote -- bei den Haushalten um so höher ist, je höher das Haushaltseinkommen ist:



Abbildung 1 Prozentuale Sparquote nach Einkommenshöhe.
Quelle: Brenke und Wagner, Wirtschaftsdienst 2013(2)



Die zweite Beobachtung ist, dass im Laufe der Zeit das Einkommen pro Kopf (in Kaufkraft gerechnet) stetig zunimmt:

  
Abbildung 2 Quelle: Ökonomenstimme (Link)


Das Pro-Kopf Einkommen hat sich also von 1950 bis 200 ungefähr verfünffacht. Das gilt für die Reichen und für die Armen. Aus der Sicht von 1950 sind die heutigen Armen reich, und aus heutiger Sicht sind die Reichen von 1950 arm. Dies führt auf das Problem, das den Ausgangspunkt von Duesenberrys Überlegungen bildet. Er schrieb 1949 (S. 26):
 Vor dreißig Jahren hat eine Durchschnittsfamilie mit einem Einkommen von 1500 $ (gerechnet in Preisen von 1940) 8 Prozent des Einkommens gespart. 1941 hat eine vergleichbare Familie nichts gespart. Man kann wohl kaum behaupten, dass in dieser Zeit das Sparbedürfnis, aus welchem Grunde auch immer, zurückgegangen wäre. Aus irgendeinem Grund ist das Bedürfnis nach Konsum gestiegen, das ist aber wohl schwerlich auf biologische Veränderungen oder gewachsene Bedürfnisses nach Komfort und Bequemlichkeit zurückzuführen.
Aus dieser Überlegung entwickelte er die These, dass sich die  Ersparnis nicht am absoluten Einkommen, sondern am relativen Einkommen orientiert. Wenn alle Einkommen sich verdoppeln, wird sich an dem in Abbildung 1 gezeigten Bild außer den Einkommensangaben nichts ändern. Die Einkommensangaben würden sich lediglich alle verdoppeln. Das zeigt sich auch daran, dass sie volkswirtschaftlich Sparquote über Jahrzehnte hinweg ziemlich konstant bleibt und keineswegs zunimmt, wenn alle Laute immer reicher werden.

Duesenberrys Erklärung war, dass die Menschen ihre Konsumentscheidungen an dem orientieren was sie als normal empfinden, und sie empfinden als normal, was sie um sich herum -- in ihrer "Bezugsgruppe", also bei den Menschen, mit denen sie sich vergleichen -- wahrnehmen. Diese These hat Duesenberry mit vielen Beobachtungen untermauert, z.B. mit der Beobachtung, dass die schwarzen Amerikaner durchschnittlich eine geringere Sparquote haben als die weißen, dass sich aber beim Vergleich von schwarzen und weißen Haushalten mit vergleichbarem Einkommen zeigt, dass die schwarzen Haushalte eine höhere Sparquote haben als die weißen. Dies steht im Einklang mit der Relativeinkommenshypothese, denn die Bezugsgruppen der schwarzen Haushalte verdienen weniger als die der weißen Haushalte, und entsprechend sind die Anschpruchsniveaus der schwarzen Haushalte geringer und sie konsumieren weniger und sparen mehr.. All das und vieles mehr hat Duesenberry mit umfangreichen Statistiken und Hinweisen auf eine Vielzahl soziologischer Studien zu dieser Thematik belegt.

Milton Friedman hat dies alles nicht angezweifelt, hat aber entgegengehalten, dass man eine viel einfachere Erklärung geben kann, die nicht auf soziologische Überlegungen zurückgreifen muss sondern rein ökonomisch bleiben kann und deshalb vorzuziehen sei. Seine Überlegung ist, dass man, wenn man weniger verdient als in seiner Bezugsgruppe durchschnittlich verdient wird, damit rechnen kann, dass das Einkommen nur vorübergehend niedrig ist und später entsprechend höher sein wird. Im Durchschnitt rechnet jeder damit, das zu verdienen, was in seiner Bezugsgruppe verdient wird. Jeder in einer Bezugsgruppe rechnet also mit einem ähnlichen "permanenten Einkommen"  und orientiert seine Konsumentscheidungen an diesem permanenten Einkommen. Entsprechend sparen die Armen wenig, weil sie damit rechnen, später reich zu werden, und die Reichen sparen viel, weil sie damit rechnen, später arm zu werden.

Auf den Mangel dieser Theorie muss ich nicht im einzelnen eingehen. Es erscheint insbesondere nicht besonders rational (um ein Lieblingsthema mancher Ökonomen aufzugreifen) bei relativ geringer sozialer Mobilität die Erwartung zu haben, bald reich oder bald arm zu werden.

Der bedeutende Ökonom Robert Frank hat dazu 2005 bemerkt:
Eine überwältigende Evidenz spricht dafür dass soziale Vergleichsprozesse wichtig sind: Deshalb ist es nur fair festzustellen, dass Duesenberrys Theorie auf realistischeren Annahmen über menschliches Verhalten beruht als die von Herrn Friedman.  Sie war außerdem erfolgreicher, das tatsächliche Ausgabeverhalten zu erklären. Dennoch bleibt seine Theorie, wie bemerkt, in den führenden Lehrbüchern unerwähnt.
Das hat sich seit 2005 nicht geändert. Es gibt aber neue Evidenz für Duesenberrys Theorie. Sie stammt aus der Neuroökonomie. Thomas Dohmen, Armin Falk, Klaus Fliessbach, Uwe Sunde und Bernd Weber haben mittels Funktioneller Resonanztomographie (fMRI, functional magnetic resonance imaginging) die Aktivität von Gehirnregionen untersucht, die auf Belohnungen ansprechen. Sie kommen zu dem Schluß:
Wir zeigen insbesondere dass der Aktivitätsgrad des ventral stratum mit zunehmendem absoluten Einkommen ansteigt und -- bei gegebenem absoluten Einkommen -- bei Verringerung des relativen Einkommens abnimmt.
Eine weitere Bestätigung von Duesenberrys These, diesmal aus neuro-ökonomischer Sicht.

Woher die sonderbare Ablehnung von Duesenberrys Überlegungen seitens der Ökonomen?

Die Ablehnung von Duesenberrys Theorie erfolgt wohl aus dem Bedürfnis vieler Ökonomen, alles soweit wie möglich "rein ökonomisch", d.h. aus Rationalverhalten und ohne Rückgriff auf psychologische oder soziologische Befunde, zu interpretieren. Sie nennen das dann "ökonomisch erklären".

Leider ist diese Schrebergartenmentalität -- die Weigerung, relevante Befunde aus anderen Disziplinen zur Kenntnis zu nehmen -- in der Ökonomie sehr verbreitet. Sie geht auf den österreichischen Volkswirt Carl Menger (1883) zurück und wurde in der modernen österreichischen Theorie etwa von Ludwig von Mises (1996) kultiviert. Friedman unterscheidet sich jedoch wohltuend von der Empiriefeindlichkeit dieser österreichischen Schule, weil er die Notwendigkeit empirischer Forschung betont. Er ist allerdings stolz darauf unrealistische Theorien zu vertreten wie er 1953 dargelegt hat. Seine Konsumtheorie steht insofern mit seinen methodischen Überzeugungen in Einklang.

Die Ökonomen sind ihm methodisch gefolgt. Die moderne Makroökonomik Chicagoer Provenienz treibt Friedmans theoretische Position auf die Spitze. Duesenberrys Theorie hat in dieser a-priori-Welt keinen Platz. Deshalb ist sie aus den Lehrbüchern verschwunden -- sogar überraschender Weise auch aus den neueren neo-keynesianischen Darstellungen, die in vielem Methodischen eher Chicago als Alfred Marshall und John Maynard Keynes folgen.

Es wird interessant sein zu sehen, wie die Entwicklung weitergeht.

Literaturhinweise

Blanchard, Olivier und Gerhard Illing (2008): Makroökonomie, 4. aktualisierte Auflage, Addison-Wesley (Link).

Dohmen, Thomas Johannes, Armin Falk, Klaus Fliessbach, Uwe Sunde und Bernd Weber:
Relative versus absolute income, joy of winning, and gender: Brain imaging evidence, Journal of Public Economics 2011, 95(3-4), 279-285 (Link)



Duesenberry, James (1949): Income, Saving, and the Theory of Consumer Behavior, Harvard University Press (Link).

Friedman, Milton (1957): A Theory of the Consumption Function, Princeton University Press (Link)

Friedman, Milton (1953): The Methodology of Positive Economics, in M. Friedman: Essays in Positive Economics, Chicago University Press  (Link)

Menger, Carl (1883): Untersuchungen über die Methode der Sozialwissenschaften und der politischen Ökonomie insbesondere. Mohr-Siebeck, Duncker und Humblot (Link)

Mises, Ludwig von (1996): Human Action: A Treatise in Economics, Liberty Fund, (Link)

Anmerkung: Ich habe Abbildung 1 neu angefertigt, da der ursprüngliche Link nicht mehr verfügbar war. (22.8.2021)