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Samstag, 11. Juli 2015

Zum Tarifeinheitsgesetz

Wenn das Tarifeinheitsgesetz kippt, gibt es Extrawürste für diejenigen, die besonders viel Schaden stiften können. Ich würde für diesen Fall den EDV-Administratoren in Deutschland raten, einen Bund der Webmaster zu gründen. Eine solche Vereinigung wäre noch schlagkräftiger als die Pilotenvereinigung. Jeder Betrieb könnte durch die wenigen EDV-Verantwortlichen lahmgelegt werden - alle Flugplätze, Krankenhäuser. Elektrizitätswerke usw. würden nur noch funktionieren, bis der erste EDV-Störfall auftritt - und der ist unvermeidlich und kann auch bei entsprechend schlechter Dokumentation nicht von aussenstehenden EDV-Experten behoben werden..

Das Handelsblatt schreibt zum Tarifeinheitsgesetz:
Unmittelbar nach Inkrafttreten des umstrittenen Tarifeinheitsgesetzes haben mehrere kleine Gewerkschaften Verfassungsbeschwerde erhoben. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit sehen das Streikrecht eingeschränkt und wollen das Gesetz mit dem Gang nach Karlsruhe kippen, wie die Organisationen am Freitag mitteilten.
Das Gesetz trat am Freitag in Kraft. Mit dem Gesetz kehrt Deutschland zum Prinzip „Ein Betrieb – ein Tarifvertrag“ zurück. Die Macht kleiner Spartengewerkschaften soll so eingeschränkt werden. Wenn zwei Gewerkschaften in einem Betrieb dieselben Arbeitnehmergruppen vertreten, gilt nur noch der Tarifvertrag der Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern in dem Betrieb. Das Bundesarbeitsgericht hatte eine frühere Regelung zur Tarifeinheit im Juni 2010 für rechtswidrig erklärt.
Diese Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts war bedauerlich - ein Sieg formaljuristischen Denkens über eine Regelung, die bis dahin alle fraglos als vernünftig und gerecht akzeptiert hatten. Wenn diese Rechtsprechung nicht durch das Tarifeinheitsgesetz oder ähnliches gestoppt wird, werden wir in Verhältnisse zurücktreiben, die vor Margaret Thatcher in England geherrscht haben und die sehr schädlich für die ganze englische Volkswirtschaft waren. Die Vereinigung der Elektriker war z.B., wenn ich mich richtig erinnere, ziemlich schlagkräftig. Wenige Elektriker in einem Automobilwerk konnten die ganze Fabrik lahmlegen. Entsprechend hoch waren die Lohnzugeständnisse, die sie erzielen konnten, und die andere Gewerkschaften dann auch erzielen wollten, nach dem Motto: "Wer am meisten Schaden stiften kann, verdient am meisten:" Das wäre dann keine produktivitätsorientierte Entlohnung, sondern Entlohnung gemäß dem Schadenpotenzial und hätte weitreichende Wirkung - bis hin zur Vermeidung von hochproduktiven, aber erpressungsempfindlichen Technologien seitens der Unternehmungen.

Dass das Streikrecht eingeschränkt ist sehe ich nicht. Die Mitglieder der kleinen Gewerkschaften können ja in die zuständigen Gewerkschaft gehen und solidarisch mit den anderen Kollegen ihre Forderungen durchsetzen, notfalls mit Streik. Das geht nur, wenn die Forderungen von allen Mitarbeitern akzeptiert werden. Extrawürste gibt es dann nicht. Volkswirtschaftlich wäre das sinnvoll, weil gerechte Lohnstrukturen tendenziell effizienter sind als die Lohnstrukturen, die sich frei am Markt bilden, wie man hier nachlesen kann. Weil kollektive Lohnbildung sich stark an Fairnessgesichtspunkten orientiert, ergibt sich unter Flächentarifverträgen eine gerechtere Lohnstruktur als in einem balkanisierten Arbeitsmarkt. (Ausserdem ist der Lohndruck insgesamt geringer, was aber im Augenblick in Europa ein Problem ist, weil die Lohnentwicklung in Deutschland zurückhaltender ist als im sonstigen Europa, wo es keine Flächentarifverträge gibt und weil die deutsche Regierung sich weigert, die notwendigen expansiven Massnahmen zu ergreifen um diesen Missstand zu korrigieren.)

Dass die kleinen Gewerkschaften in ihrer Existenz bedroht sind würde mich nicht stören, denn die kollektive Lohnsetzung funktioniert mit nicht zersplitterten Tarifparteien besser. Aber es stimmt wohl nicht. Die Lockführergewerkschaft rühmt sich, die älteste Gewerkschaft zu sein und hat auch über Jahrzehnte fortexistiert, als alle Lokführer Beamte waren und kein Streikrecht hatten.


Dienstag, 9. Juni 2015

Der Haustarifvertrag bei der Post

Das Handelsblatt schreibt zum Poststreik:
Entzündet hatte sich der Konflikt an der Ankündigung des Bonner Konzerns, Tausende neue Stellen zu schaffen – allerdings in 49 neuen Gesellschaften, für die niedrigere Löhne als im Konzern gelten. Die neuen Firmen orientieren sich an den Tarifverträgen der Logistik-Branche. Verdi will die Post mit dem unbefristeten Streik zwingen, dass auch bei den Tochterunternehmen der höhere Haustarif gezahlt wird.
In Deutschland haben wir üblicherweise Flächentarifverträge -- also Tarifverträge, die für alle Beschäftigten in einer Branche in einem Tarifgebiet gelten. Die Post macht hier eine Ausnahme: Sie hat einen Haustarifvertrag, der nur für die Beschäftigten der Post gilt.

Derartige Haustarifverträge sind volkswirtschaftlich problematisch, weil sie typischerweise wesentlich andere -- wesentlich günstigere -- Entgeltregelungen  bieten als die entsprechenden Flächentarifverträge. Das verletzt das Prinzip "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" und führt zu volkswirtschaftlich ineffizienter Lohnbildung. Ich habe das hier für die Billiglohnkonkurrenz erklärt, die Überlegung gilt aber auch umgekehrt: Wenn die Post höhere Personalkosten als ihre Mitbewerber hat, aber ansonsten über eine überlegene Technologie und Organisation verfügt, kann sie vom Markt verdrängt werden und die Mitbewerber, die höhere volkswirtschaftliche Kosten verursachen (gleiches Personal, teurere Technik und Organisation) können sich im Markt halten. Um das zu vermeiden, sollte für alle Konkurrenten der gleiche Tarifvertrag gelten. Der Haustarif der Post sollte mithin abgeschafft werden und  die Post sollte zu dem (ebenfalls von Verdi ausgehandelten) Tarif bezahlt werden, der für alle anderen Mitbewerber ebenfalls gilt.

Das System der Flächentarifverträge ist sowohl unter Effizienz- als auch unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten sinnvoll. Ich verstehe nicht, warum die Gewerkschaften, die das immer wieder zu Recht betonen, im Einzelfall, wie hier bei der Post oder auch bei Volkswagen, dennoch das ungerechte System der Haustarifverträge verteidigen, sogar mit Streik. Das gefährdet das System der Flächentarifverträge ebenso wie wenn die Fluglotsen, die Lokführer oder die Krankenhausärzte versuchen, aus diesem System auszubrechen. Ein solches Verhalten ist verantwortungslos und schadet der Allgemeinheit.