Mittwoch, 17. April 2013

Reinhart-Rogoff

In einer einflussreichen Studie haben Carmen Reinhart and Kenneth Rogoff die These vertreten, daß Länder mit einer Staatsschuld von über 90% ungefähr 1% geringeres Wachstum haben als die Länder mit geringerer Staatsschuld. Diese These ist oft bezweifelt, ist aber letzthin weitgehend akzeptiert worden. Wie Paul Krugman bemerkt, hat sich die These wohl endgültig als  fehlerhaft herausgestellt. Mike Konczal bemerkt zu einem dieser Fehler in einer Excel-Tabelle, den er selbst genauer angeschaut hat:
"Ohne diesen Fehler wären die publizierten Ergebnisse nicht zustande gekommen. Dies erklärt auch zu einem guten Teil warum die Ergebnisse von anderen nicht repliziert werden konnten. Wenn es sich hier um einen tatsächlichen Fehler bei Reinhart und Rogoff handelt, kann man nur hoffen, dass künftige Historiker einmal anmerken werden: Einer der zentralen empirischen Thesen, die die intellektuelle Grundlage für die weltweite Restriktionspolitik im beginnenden zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts bilden, hat sich daraus ergeben, dass irgendwer zufälligerweise vergessen hatte, eine Zeile in einer Excel-Tabelle zu aktualisieren."
Vielleicht können künftige Historiker in diesem Sinne ebenfalls anmerken, dass eine der zentralen theoretischen Begründungen für die Restriktionspolitik um 2010, die Ricardianische Äquivalenzthese, auf der abwegigen Annahme beruht hat, dass die Haushalte Zinseinkünfte aus dem Besitz von Staatspapieren nicht zu ihrem verfügbaren Einkommen rechnen.

Nachtrag (17.4.2013): Auch der Spiegel hat über Reinhart-Rogoff berichtet.Die Schlußfolgerung, die der Spiegel zieht ist allerdings nicht zu halten. Dort heißt es
Was bleibt also am Ende von diesem Wissenschaftsskandal? Der Zusammenhang von hohen Schulden und schwachem Wachstum ist nicht zu leugnen. Er wird auch in der neuen Studie aus Massachusetts deutlich. Doch die Schwelle von 90 Prozent wird so schnell wohl kein Politiker mehr als Argument benutzen.
Der Zusammenhang von hohen Schulden und schwachem Wachstum beruht wahrscheinlich auf einem einfachen Fehlschluß. Wie Krugman bemerkt ist das Ergebnis im wesentlichen auf die Daten aus Italien und Japan zurückzuführen, bei denen die Staatschulden wegen des schlechten Wachstums gestiegen sind. Die naheliegende Frage der umgekehrten Kausalität (größere Staatsdefizite bei schlechter Konjunkturlage) ist überhaupt nicht behandelt, und die Wirkung der Schuldenpolitik auf die Schuldenquote ist ziemlich klar: Je weniger Sparpolitik bei Arbeitslosigkeit  um so geringer die Schuldenquote.


Nachtrag (24.11.2013) Tatsächlich war meine Argumentation bezüglich der Ricardianischen Äquivalenzthese fehlerhaft. Ich bin einem Fehler in  einer von Barros Arbeiten aufgesessen. The Ricardianische Äquivalenzthese ist tatsächlich zutreffend. Ich habe ein entsprechendes Erratum geschrieben in dem ich meinen Fehler klarstelle. Diese Notiz wird demnächst in Metroeconomica erscheinen. Ich bitte bei den Lesern dieses Blogs ebenso wir bei den beteiligten Herausgebern und Gutachtern um Entschuldigung und werde meinen Irrtum demnächst in einem Blog nochmals klarstellen..  

Dienstag, 16. April 2013

So zerstört man den Euro

In einem sehr lesenswerten Interview bemerkt Heiner Flassbeck:

Na ja, wer sind die Verursacher der Krise? Da muss man natürlich tief bohren ...  Sie kennen ja sicherlich meine These, dass Deutschland auch einen erheblichen Anteil an der Krise hat, nämlich mit dem Lohn, mit der Lohnmoderation der 2000er-Jahre hat man einen Keil sozusagen in die Währungsunion getrieben, der jetzt auf der einen Seite sich in den hohen Schulden dieser Defizitländer, auch hier in Zypern zeigt, und den hohen Forderungen des Gläubigerlandes, Deutschland vor allem, und an diese Frage geht niemand ran. Man geht an ganz viele Einzelfragen ran, und das ist das eigentliche Problem der Rettung im Moment, oder der sogenannten Rettung, dass man an dieses Grundproblem - wie kriegen wir diesen Keil aus der Währungsunion heraus, diese riesige Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Ländern, wo Deutschland etwas getan hat, was auch nicht gerechtfertigt war, was überhaupt nicht gerechtfertigt war, weil Deutschland hat gegen das Inflationsziel, das man gemeinsam beschlossen hat, verstoßen. Wie kriegen wir das wieder raus, und wie kommen wir hin zu einer Situation, wo alle Länder wieder normal wirtschaften können? Diese Frage wird leider nicht behandelt, sondern es wird immer nur von Fall zu Fall, wird ein Land vorgenommen, das wird angeguckt, und dann sagt man: Ja, da ist vieles im Argen und da schlagen wir jetzt mal drauf. Das ist aber keine systematische Lösung, und so wird es nicht gehen, so zerstört man den Euro. Hier denken die Leute ganz offen darüber nach, wie können wir aussteigen, gibt es eine Möglichkeit zum Aussteigen.
Meines Erachtens sieht Flassbeck das Problem völlig richtig. Die Anpassung der Löhne nach unten funktioniert aber nicht so einfach, wenn überhaupt. (Man spricht von "Lohnstarrheit nach unten", "downward wage rigidity", siehe auch was Paul Kriugman dazu zu sagen hat). Die andere volkswirtschaftlich gesehen wesentlich billigere Komponente -- insbesondere Lohnerhöhungen in Deutschland über Produktivitätszuwächse und das 2% Inflationsziel hinaus -- fehlt. (Finanzminister Schäuble sieht das wohl, scheint aber die dafür notwendigen expansiven Maßnahmen in Deutschland nicht zu unterstützen.)

Regionale Lohnindexierung wäre vielleicht ein einfacherer Weg, die Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Euro-Zone auszubalancieren. Auf diese Weise ließe sich die langanhaltende Arbeitslosigkeit mit ihren hohen ökonomischen und sozialen Kosten zu vermeiden. Ein Index für die sozialen Kosten sind die erhöhten Selbstmordraten in Griechenland in Folge der Austerity-Politik. Ähnliches ist für Zypern zu erwarten.

Sonntag, 14. April 2013

Japanische Staatsverschuldung

In seinem sehr lesenswerten Blog bemerkt Heiner Flassbeck:
In Japan ist die Staats­ver­schul­dung (vgl. Abbil­dung 1) inzwi­schen mehr als dop­pelt so hoch wie im Euro­raum, und sie liegt auch schon seit 18 Jah­ren ober­halb des für das Wirt­schafts­wachs­tum angeb­lich kri­ti­schen Wer­tes von 90% des Brut­to­in­lands­pro­dukts, hätte also genü­gend Zeit gehabt, ihre infla­tio­näre Wir­kung zu entfalten. - See more at: http://www.flassbeck-economics.de/japanische-deflation-verwirrung-in-der-deutschen-bundesbank-auf-hochstem-niveau/#sthash.JjaizH9m.dpuf
In Japan ist die Staats­ver­schul­dung (vgl. Abbil­dung 1) inzwi­schen mehr als dop­pelt so hoch wie im Euro­raum, und sie liegt auch schon seit 18 Jah­ren ober­halb des für das Wirt­schafts­wachs­tum angeb­lich kri­ti­schen Wer­tes von 90% des Brut­to­in­lands­pro­dukts, hätte also genü­gend Zeit gehabt, ihre infla­tio­näre Wir­kung zu entfalten. - See more at: http://www.flassbeck-economics.de/japanische-deflation-verwirrung-in-der-deutschen-bundesbank-auf-hochstem-niveau/#sthash.JjaizH9m.dpuf
 In Japan ist die Staatsverschuldung inzwischen mehr als doppelt so hoch wie im Euroraum, und sie liegt auch schon seit 18 Jahren oberhalb des für das Wirtschafts­wachs­tum angeb­lich kri­ti­schen Wer­tes von 90% des Brut­to­in­lands­pro­dukts, hätte also genü­gend Zeit gehabt, ihre infla­tio­näre Wir­kung zu entfalten. Doch nichts der­glei­chen ist zu sehen: Japans Preis­ent­wick­lung ist seit über 15 Jah­ren defla­tio­när.
Die Weigerung der Verantwortlichen in Deutschland, diese Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, bleibt für mich ein Rätsel.
Doch nichts der­glei­chen ist zu sehen: Japans Preis­ent­wick­lung ist seit über 15 Jah­ren defla­tio­när - See more at: http://www.flassbeck-economics.de/japanische-deflation-verwirrung-in-der-deutschen-bundesbank-auf-hochstem-niveau/#sthash.JjaizH9m.dpuf
Doch nichts der­glei­chen ist zu sehen: Japans Preis­ent­wick­lung ist seit über 15 Jah­ren defla­tio­när - See more at: http://www.flassbeck-economics.de/japanische-deflation-verwirrung-in-der-deutschen-bundesbank-auf-hochstem-niveau/#sthash.JjaizH9m.dpuf
In Japan ist die Staats­ver­schul­dung (vgl. Abbil­dung 1) inzwi­schen mehr als dop­pelt so hoch wie im Euro­raum, und sie liegt auch schon seit 18 Jah­ren ober­halb des für das Wirt­schafts­wachs­tum angeb­lich kri­ti­schen Wer­tes von 90% des Brut­to­in­lands­pro­dukts, hätte also genü­gend Zeit gehabt, ihre infla­tio­näre Wir­kung zu entfalten. - See more at: http://www.flassbeck-economics.de/japanische-deflation-verwirrung-in-der-deutschen-bundesbank-auf-hochstem-niveau/#sthash.JjaizH9m.dpuf
In Japan ist die Staats­ver­schul­dung (vgl. Abbil­dung 1) inzwi­schen mehr als dop­pelt so hoch wie im Euro­raum, und sie liegt auch schon seit 18 Jah­ren ober­halb des für das Wirt­schafts­wachs­tum angeb­lich kri­ti­schen Wer­tes von 90% des Brut­to­in­lands­pro­dukts, hätte also genü­gend Zeit gehabt, ihre infla­tio­näre Wir­kung zu entfalten. - See more at: http://www.flassbeck-economics.de/japanische-deflation-verwirrung-in-der-deutschen-bundesbank-auf-hochstem-niveau/#sthash.JjaizH9m.dpuf
In Japan ist die Staats­ver­schul­dung (vgl. Abbil­dung 1) inzwi­schen mehr als dop­pelt so hoch wie im Euro­raum, und sie liegt auch schon seit 18 Jah­ren ober­halb des für das Wirt­schafts­wachs­tum angeb­lich kri­ti­schen Wer­tes von 90% des Brut­to­in­lands­pro­dukts, hätte also genü­gend Zeit gehabt, ihre infla­tio­näre Wir­kung zu entfalten. - See more at: http://www.flassbeck-economics.de/japanische-deflation-verwirrung-in-der-deutschen-bundesbank-auf-hochstem-niveau/#sthash.JjaizH9m.dpuf

Dienstag, 9. April 2013

Pflichtlektüre für Quotenfetischisten

In einem früheren Eintrag habe ich beklagt, daß viele Argumente zur Staatsverschuldung auf die Verschuldungsquote (das Verhältnis von Staatsschuld zu Bruttoinlandsprodukt) abstellen.

Für diejenigen aber, die sich vom Quotenfetischismus nicht abbringen lassen wollen empfehle ich die Lektüre des kürzlich erschienen Aufsatzes "The Effect of Government Spending on the Debt-to-GDP Ratio: Some Keynesian Arithmetic" von Pedro Leao.

Die Grundüberlegung ist, stark vereinfacht, die folgende: Man betrachtet die Schuldenquote

                            Staatschuld
Schuldenquote = --------------------------------
                              Bruttoinlansprodukt

und trägt dem einfachen Sachverhalt Rechnung, dass bei Unterbeschäftigung zusätzliche Staatsschulden, sagen wir in Höhe von Z, zu einer Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts von a*Z führen. Dabei ist a (der "Multiplikator") typischerweise größer als Eins, denn der Staat kauft zusätzliche Waren und Dienstleistungen in Höhe von Z ein. Damit entsteht zusätzliche Produktion und zusätzliche Einkommen im Werte von Z. Wegen der zusätzlichen Einkommen entsteht eine zusätzliche Nachfrage, und damit zusätzliche Produktion und zusätzliche Einkommen und so weiter. Letzten Endes entsteht durch eine zusätzliche Staatsschuld von Z zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von  a*Z.

Wenn das Bruttoinlndaprodukt um a*Z zunimmt, steigen die Steuereinnahmen, während Zahlungen für Sozialtransfers (Hartz IV etc.) zurückgehen. Letzten Endes ergibt sich dann eine Entlastung des Staatshaushalts von b*a*Z, wobei der Koeffizient b die fiskalische Entlastungswirkung einer Erhöhung des Bruttoinlandsproduktes beschreibt.

Bei zusätzlichen Staatsausgaben und zusätzlicher Verschuldung um Z ändert sich die Schuldenquote deshalb um


            Staatschuld  + Z  - b*a*Z                     Staatschuld
                                      --------------------------------------     -   -------------------------------                  
                 Bruttoinlansprodukt + a*Z               Bruttoinlansprodukt


Wir fragen nun, bei welchen Werten  die Schuldenquote bei zusätzlichen Staasausgaben  fällt, also die linke Seite kleiner als die rechte Seite ist.

Durch einfache Umstellung erhält man

                    Staatschuld +Z -b*a*Z       Bruttoinlansprodukt + a*Z     
                                        -------------------------------   < ----------------------------------------                  
              Staatschuld                        Bruttoinlansprodukt



und schließlich das Ergebnis

                                           Staatsschuld
                         1/a - b   <   ---------------------------
                                              Bruttoinlandsprodukt



Wenn also die Schuldenquote 100% ist, geht die Schuldenquote auf jeden Fall zurück., da ja bei Unterauslastung der Volkswirtschaft 1/a < 1 ist.


Leao  setzt in diese Formel die empirischen Werte für verschiedene Länder ein und kommt zu dem Schluß:
 Wenn wir die entsprechenden Schätzwerte einsetzen und diese Formel für verschiedene relevante Länder und Regionen auswerten, ergibt sich, dass bei Arbeitslosigkeit zusätzliche Staatsausgaben die Schuldenquote reduzieren.
Im Umkehrschluß kann man sagen: Sparmaßnahmen (also Z<0) erhöhen die Schuldenquote. Wenn also Gregory Mankiw Präsident Obama einen Abbau der Schuldenquote empfiehlt, sollte er Obama zusätzliche kreditfinanzierte Staatsausgaben nahelegen. Auch Herr Schäuble könnte sich das mal überlegen.

Freitag, 5. April 2013

Quotenfetischismus (in milder Form) sogar bei Greg Mankiw

Greg Mankiw ist ein bekannter Makroökonom. Er ist Professor in Harvard und war  Vorsitzender des "Council of Economic Advisors" des Präsidenten George W. Bush. Er wird zu den "Neokeynesianern" gerechnet. Sein Hund heißt Maynard (nach John Maynard Keynes). Er hat ein schönes Lehrbuch zur Makroökonomik für Anfänger geschrieben, das ich früher gerne verwendet habe (allerdings nicht als alleinige Literatur).

Mankiw hat die erhöhte Staatsverschuldung unter George W. Bush verteidigt, m.E. mit zutreffenden Argumenten, wenngleich die Staatsverschuldung zu jener Zeit, wie so oft, wesentlich durch Kriegskosten getrieben war, aber das ändert an der ökonomischen Argumentation nur wenig.. (Auch Ricardo hatte ja dieses Thema unter dem Gesichtspunkt der Kriegskostenfinanzierung behandelt.) Unter Bush haben viele demokratisch orientierte Ökonomen, die nunmehr die Staatsverschuldungspolitik von Obama als unzureichend bezeichnen (was ich ebenfalls für richtig halte), die Staatsverschuldung unter Bush heftig angegriffen.

In einem einem kürzlich erschienen Artikel in der New York Times  kritisiert nunmehr Mankiw die Politik von Obama mit dem Argument, dass Obama sich nicht damit begnügen sollte, die Schuldenquote (das Verhältnis von Staatschuld zu Bruttoinlandsprodukt) zu stabilisieren, er müsse vielmehr diese Quote laufend reduzieren, weil Krisen wie Kriege oder Konjunktureinbrüche zusätzliche Staatsverschuldung erforderlich machen würden; schließlich könne sich der Staat nicht beliebig verschulden.("der Staat kann sehr lange Schulden auflaufen lassen, kann aber nicht verrückt spielen.")

Diese Überlegungen illustrieren recht schön die Art der gegenwärtigen Debatte, die man vielleicht als "Quotenfetischmus" bezeichnen könnte.

Quotenfetischmus deshalb, weil immer wieder auf die Schuldenquote  (das Verhältnis von Staatschuld zu Bruttoinlandsprodukt) abgestellt wird ohne dass es einen vernünftigen Grund dafür gibt, diese Maßzahl zu betrachten. Mankiw selbst verteidigt die Verwendung dieser Maßzahl ebenfalls nicht sondern beschränkt sich auf den völlig zutreffenden Hinweis: "Eine Maßzahl, die Ökonomen oft verwenden um die fiskalische Situation zu bewerten ist die Schuldenquote."

Es gibt aber überhaupt kein stichhaltiges Argument warum die Schuldenquote irgendeine Aussagekraft haben sollte. Wenn der Staat, statt Schulden aufzunehmen, Staatsbesitz verkauft aus dessen Ertrag er die Schulden hätte tilgen können, fällt zwar die Schuldenquote, aber der wirtschaftliche Spielraum des Staates wird geringer; ansonsten ändert sich nichts. Außerdem lässt sich zeigen dass die Schuldenquote umso höher sein muss, je geringer das Verhältnis von Staatsausgaben zu Bruttoinlandsprodukt ist. wenn die Staatseinnahmen und Staatsausgabe optimal gesteuert werden, so wie es aus Sicht der  funktionalen Finanzpolitik geboten wäre. 

Tatsächlich sind die Schuldenquoten in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Es gibt keinen ökonomischen Gesichtspunkt, unter dem eine Schuldenquote von Null zu empfehlen wäre -- außer dass man von vornherein die Annahme trifft, daß die Wirtschaft dann optimal funktioniert. Das wäre aber nur zufällig denkbar.

Eigentlich gibt es nur zwei Gesichtspunkte, unter denen etwas über die Schuldenquote gesagt werden kann. Der erste Gesichtspunkt ist der, der früher im Grundgesetz so formuliert war, dass die Nettokreditaufnahme die Investitionen nicht übersteigen sollte. Die Begründung ist, dass der Schuldendienst für diese Kredite entsprechend dem Nutzen aus den Investionen verteilt sein sollten und dass der Nutzen der Investitionen, der über viele Jahre erfolgt, den Schuldendienst finanziert. Nutzen und Kosten einen öffentlichen Investition werden so miteinander synchronisiert. Verbietet man Staatsschulden so erreicht man, dass die gegenwärtige Generation die Kosten der öffentlichen Investitionen trägt die zukünftige Generationen nutzen -- geradezu ein Rezept zur Unterdrückung notwendiger öffentlicher Investitionen.

Diese Überlegung beruht aber auf der stillschweigenden Annahme, dass Angebot und Nachfrage auf dem Gütermarkt zum richtigen Zins geräumt werden. Das ist allokationstheoretisch problematisch, aber oft (wie gegenwärtig bei einem Zinsniveau von praktisch Null) nicht realisierbar. In diesem Fall muß die Gütermaktsteuerung (und damit Steuerung der Beschäftigung) durch Steuersenkungen und/oder Staatsaugabenerhöhungen erfolgen. Welche Schuldenquote sich dabei ergibt ist völlig gleichgültig. Es geht um die richtige Steuerung der realwirtschaftlichen Abläufe. Fiskalische Guthaben- und Schuldenpositionen ergeben sich entsprechend. Sie stellen keinen Selbstzweck dar.

Die sogenannte Ricardianische These, dass die Verschuldungspolitik gleichgültig sei, wird aber paradoxerweise oft als Argument gegen Staatsverschuldung angeführt und bildet bei manchen wohl auch die Grundlage für eine Unterstützung der Maastricht-Kriterien und der Schuldenbremse. Hier hat der Quotenfetischismus absolut, ja geradezu überirdisch, triumphiert. Damit wird eine sinnvolle Konjunkturpolitik ausgeschlossen. Mankiw treibt es (vernünftigerweise) nicht so weit, seine Empfehlungen sind aber dennoch theoretisch nicht begründbar.

Sonntag, 3. März 2013

Eine vernünftige Position

Der Chefökonom der Kreditanstalt für Wiederaufbau, Jörg Zeuner, hat in einem bemerkenswerten Interview begründet, warum wir in Deutschland mehr staatliche Investitionen brauchen und warum diese Investitionen, wenn sie mit den (derzeit billigen) Krediten finanziert werden, keine Belastung für zukünftige Generationen bedeuten sondern ihnen nutzen, mehr noch als der gegenwärtigen Generation.

Schön auch, dass die Schuldenbremse nicht als Ziel an sich gesehen wird sondern dass die wirtschaftspolitischen Maßnahmen in Hinblick auf ihre Konsequenzen betrachtet werden, ganz im Sinne der funktionalen Finanzpolitik.

Schön dass man auch mal etwas Vernünftiges liest.


Montag, 18. Februar 2013

Krugman und der Mindestlohn

In einem Beitrag aus dem Jahr 1994 hat Paul Krugman die "Krugman-Hypothese" formuliert, die bis heute im Hintergrund vieler Überlegungen steht. Sie besagt, dass der technische Fortschritt, den wir erleben, qualifikationsverzerrt ist (sogenannter "skill-biased technological change"). Die Krugman-Hypothese besagt, dass der technische Fortschritt zu einer erhöhten Nachfrage noch hochqualifizierten Arbeitskräften und zu einem geringeren Bedarf an weniger qualifizierten Arbeitskräften führt. Deshalb entsteht eine zunehmende Lohnspreizung: Die Spanne zwischen den hohen und den niedrigen Löhnen wächst stetig.

Die zunehmende Lohnspreizung ist etwas, was wir tatsächlich beobachten. Sie ist dramatisch. Ich selbst habe zwar damals die Erklärung der zunehmenden Lohnspreizung über qualifikationsverzerrten Fortschritt nie recht geglaubt, aus arbeitsmarkttheoretischer Sicht kritisiert  und später eine andere Theorie entwickelt, aber bleiben wir einmal bei Krugman's seinerzeitiger Überlegung. Sie diente ihm wesentlich dazu, die damalige unterschiedliche Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den USA und Europa verständlich zu machen.

Die Arbeitslosigkeit nahm damals in Europa  stetig zu, blieb aber in den USA auf einem "normalen" Niveau. Zugleich nahm die Lohnspreizung in den USA deutlich zu, was in Europa (damals) nicht in gleichem Ausmaß der Fall war. Krugmans Erklärung für diese Divergenz war, dass aufgrund des qualifikationsverzerrten technischen Fortschritts die Löhne der Hochqualifizierten zunehmen und die Löhne der Gerinqualifizierten abnehmen müßten, um den Arbeitsmarkt in allen Segmenten zu räumen. Wegen der relativ freien Arbeitsmärkte in den USA fanden diese Anpassungen dort auch statt, in den Wohlfahrtsstaaten Europas bestand aber eine effektive Untergrenze bei den Löhnen, sodass die Anpassung bei den Geringqualifizierten nicht erfolgen konnte. Die Löhne für die Geringqualifizierten konnten nicht so weit fallen, um auch in diesem Bereich Vollbeschäftigung zu sichern. Deshalb bildete sich, so Krugman, eine zunehmende Arbeitslosigkeit bei den Geringqualifizierten. Die Zunahme sei eine Mindestlohnarbeitslosigkeit. Er faßte seine These kurz und bündig in den Worten zusammen: "In Amerika gibt es im Supermarkt Mitarbeiter, die die Einkäufe in Tüten packen. Das ist zwar eine einfache Tätigkeit, die nicht sehr gut bezahlt wird. Aber es ist doch immer noch besser, als arbeitslos zu sein." (FAZ vom 14.10.1999; siehe auch meine seinerzeitige Stellungnahme dazu hier).

Die Krugman-These war die Grundlage für die unsäglichen Schröder-Reformen und wurde von der Fachwelt weitgehend unterstützt. Im Hamburger Appell aus dem Jahre 2005 forderte die überwältigende Mehrheit der deutschen Wirtschaftsprofessoren ein Festhalten an der Schröderschen Politik, was ja unter Merkel auch geschehen ist, aber vielleicht unter Schröder extremer und unsozialer ausgefallen wäre.

Die These wurde vornehmlich von Wissenschaftlern unterstützt, die keine spezifische Kenntnis von Arbeitsmarkttheorien hatten oder jedenfalls die Funktionsweise des Arbeitsmarktes völlig analog zur Funktion von Gütermärkten sahen. Das galt auch für Krugman. Ich habe diese These aus arbeitsmarkttheoretische Sicht stets für verfehlt gehalten uns kritisiert (z.B. hier und hier).

Mittlerweile hat Krugmans seine Einschätzung aber drastisch geändert. In seiner neuesten New York Times-Kolumne spricht er sich für eine Anhebung der Mindestlöhne in den USA aus. Dies würde die Nachfrage steigern und, wie empirische Studien zeigen, keine wesentlichen negativen Beschäftigungskonsequenzen haben.

Konsequent wie er ist fügt er dann an:
Warum ist das so? Das ist Gegenstand der aktuellen Forschung, aber ein Thema aller Erklärungen ist, dass Arbeiter keine Tonnen von Getreide sind, und auch keine Appartements in Manhattan. Sie sind Menschen. Die sozialen Interaktionen, die im Zusammenhand mit Einstellungen und Entlassungen (hiring and firing)  stattfinden sind notwendigerweise komplexer als die, die in normalen Gütermärkten auftreten. Ein Nebenergebnis dieser menschlichen Komplexität scheint zu sein, dass bescheidene Lohnsteigerungen für die Geringverdiener nicht notwendigerweise die Anzahl der Arbeitsplätze reduziert.
Das ist natürlich aus arbeitsmarkttheoretischer Sicht ziemlich schwammig und auch nicht ganz up-to-date. Auch sind diese Probleme seit langem schon Gegenstand der theoretischen Forschung, nicht nur neuerdings. Aber immerhin: Es wird zur Kenntnis genommen, dass der Arbeitsmarkt grundsätzlich anders funktioniert als irgendein Gütermarkt im Lehrbuch.