Mittwoch, 10. Juni 2015

Tsipras über Griechenland, Spanien und Italien


Spiegel Online berichtet:

Im Interview mit der italienischen Tageszeitung "Corriere della Sera" erinnerte Tsipras noch einmal an ein viel drastischeres Szenario: "Es wäre der Anfang vom Ende der Eurozone", erklärte er. "Wenn Griechenland ausscheidet, sehen sich die Märkte sofort nach dem nächsten Kandidaten um." Spanien und auch Italien würden angesichts ihrer enormen Verschuldung sofort unter großen Druck geraten. Der Preis, den die europäischen Steuerzahler dann zu entrichten hätten, sei extrem groß.

Was soll soetwas?  Die Aussage erweckt den falschen Eindruck als ob die Ursache für die griechischen Misere bei den Finanzmärkten zu suchen sei. Tatsächlich war es aber wohl die mangelnde Konkurrenzfähigkeit Griechenlands, das sich über Jahre hinweg extreme Lohnsteigerungen genehmigt hat. Das hat zum Verlust der Wettbewerbsfähkeit und zu Finanzmarktreaktionen geführt. An der schlechten Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands trifft Deutschland freilich auch eine Mitschuld.

Was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Griechenlands betrifft so muss man leider feststellen, dass Griechenland immer noch zu hohe Löhne hat: Griechenland hat trotz der hohen Arbeitslosigkeit ein Aussenhandelsdefizit. Bei höherer Beschäftigung (die zu höheren Importen führt aber die Exporte nicht berührt) wäre das Aussenhandelsdefizit entsprechend größer. Varoufakis hat noch nicht einmal angedeutet, wie er das Problem bekämpfen will, das er natürlich kennt. Mit expansiven Massnahmen (die er oft befürwortet) ließe sich das Problem wohl nur durch regionale Lohnindexierung oder ähnliches beseitigen. Sonst müsste man mit deutlichen Lohnsteigerungen und einer abermaligen Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands rechnen.

Bei Spanien und Italien ist das völlig anders. Beide Länder erwirtschaften, anders als Griechenland,  mittlerweile Aussenshandelsüberschüsse, was für ihre Wettbewerbsfähigkeit spricht:

Aussenhandelsüberschüsse von Griechenland, Italien und Spanien. Dies sind die absoluten Werte. Es ist zu beachten dass Griechenland deutlich kleiner ist als Spanien und Griechenland. Relativ gesehen ist sein Aussenhandelsdefizit mithin wesentlich höher. Quelle: Ameco


So kritisch ich der Austeritätspolitik gegenüberstehe, so muss ich doch sagen, dass eine Abkehr von der Austeritypolitik notwendig macht,  die absehbaren unerwünschten Nebenwirkungen unter Kontrolle zu halten. Die griechische Regierung scheint sich darüber, soweit ich informiert bin, keine Gedanken zu machen. Damit ist, selbst bei völligem Schuldenerlass, bei Beschäftigungssteigerungen die nächste Krise vorprogrammiert.

Kommentare:

  1. Wenn es so ist, dass "dass Griechenland immer noch zu hohe Löhne hat", würde mich schon interessieren, wo die Löhne denn sein müßten. Die dann zu stellende Frage wäre, ob davon ein Arbeitnehmer in Griechenland leben kann, oder spielt dies keine Rolle mehr? Könnte es nicht sein, dass z.B. Deutschland viel zu geringe Löhne hat? Ist es nicht so, dass in Deutschland gegenüber allen europäischen Ländern ein Lohndumping praktiziert wurde?. Natürlich haben dann alle gegenüber Deutschland einen zu hohen Lohn.

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    1. Die Löhne sollten so sein dass der Aussenhandel ungefähr ausgeglichen ist. Sie haben völlig recht, dass Deutschland viel zu niedrige Löhne hat. Ich habe darauf mit dem Link über die deutsche Mitschuld hingewiesen. Auch viele andere, z.B. der Internationale Währungsfonds, drängen Deutschland zu expansiven Maßnahmen und Lohnsteigerungen,

      Ob ein Arbeitnehmer in Griechenland davon leben kann? Das ist eine Frage der Ansprüche, lesen Sie dazu vielleicht meinen Blog "Ein wissenschaftlicher Rückschritt".

      Die Ansprüche der Griechen sind offenbar höher als der Wert dessen was sie produzieren. Das ist in anderen Ländern nicht der Fall. Estland beispielsweise hat einen Durschnittslohn der geringer ist als der griechische Mindestlohn, und die Esten haben sich an den Hilfskrediten für Griechenland beteiligt und haben sich nicht geweigert. Ähnliches könnte man zu Portugal und Spanien sagen. Die griechische Position ist, so gesehen, schon ziemlich unverschämt.

      Das Hauptproblem auf das ich hinweisen wollte ist jedoch dass - mal abgesehen von Griechenland - die Lohnanpassungen in Europa in sinnvoller Weise erfolgen müssen. Die herrschende Meinung ist, dass das über Arbeitslosigkeit zu geschehen habe. Die Institutionen setzen diese Sicht um. Wenn man das kritisieren will muss man andere Lösungen zur Lohnharmonisierung vorschlagen. Ich habe die regionale Lohnindexierung vorgeschlagen, aber vielleicht gibt es bessere Lösungen. Was mich befremdet ist dass die neue griechische Regierung keinerlei Vorschläge macht wie sie das Problem der Lohnkosten angehen will. Wenn sie das nicht tut, ist eine nachhaltige Lösung, von der sie immer redet, ausgeschlossen und ein Grexit die beste Lösung für alle.

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  2. Es gibt doch eine ganz klare Regel zur Lohnanpassung:
    Inflationsziel + Produktivitätssteigerung = jährliche Lohnerhöhung
    Nun noch schauen, wie die einzelnen Länder davon abgewichen sind und entsprechend einen 10-Jahre-Plan zur Korrektur aufstellen.
    Danach gem. dieser Regel weiter verfahren und alles ist gut.
    Dass übrigens nicht alle Länder Aussenhandelsüberschüsse haben können ist auch klar, oder?

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    1. Das ist die Regel der "produktivitätsorientierten Lohnpolitik", die vor Jahrzehnten vom Sachverständigenrat propagiert wurde. Sie ist als Leitlinie begrenzt sinnvoll. Sie impliziert jedoch, dass die Lohnquote konstant bleibt. Bezüglich des Außenhandels kann sie zu Fehlentwicklungen führen, da die Produktivität durch die Wertschöpfung (Verkaufspreis minus kosten für alle Vorleistungen und Vorprodukte außer Arbeit) gemessen wird. Sie ist deshalb gleich Lohnsumme + Gewinn pro Kopf. Da steckt der Lohn selbst drin. Deshalb können in einem Land, das zu hohe Lohnsteigerungen hatte (wie Griechenland), die Produktivitätszahlen zu hoch sein und in einem Land, in dem die Lohnsteigerungen zu niedrig waren (wie Deutschland) die Produktivitätswerte zu niedrig ausfallen. Wenn man dann dieser Regel folgt, beseitigt man die Lohndisparitäten nicht.
      Dass die Summe aller Aussenhandelsüberschüsse sich zu Null addieren muss, ist klar. Für die Länder der Eurozone gilt das theoretisch nicht immer, denn all Länder könnten mit der sonstigen Welt einen Aussenhandelsüberschuss haben. Das wäre aber kein wünschenswerter Zustand.
      Übrigens: Deutschland hat vermutlich auch massive Aussenhandelsüberschüsse gegenüber Griechenland und entsprechend Forderungen an griechische Schuldner oder die griechischen Banken erworben. Bei einem Grexit wären diese schönen Überschüsse alle futsch, und sonst durch Schuldenerlass teilweise auch. Daran sieht man aus einer anderen Perspeltive, wie unvernünftig die deutsche Restriktionspolitik war (und ist).
      Außerdem ist ein ausgeglichener Außenhandel gesetzlich geboten (im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz). Die deutsche Restriktionspolitik ist also genau genommen gesetzwidrig.

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    2. "Sie ist als Leitlinie begrenzt sinnvoll."

      Nein, Sie ist als einzige Leitlinie sinnvoll.
      ;-)

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  3. "Varoufakis hat noch nicht einmal angedeutet, wie er das Problem bekämpfen will, das er natürlich kennt."
    Evt sollte man die Vorschläge von Varoufakis einfach einmal zur Kenntnis nehmen? Lesen hilft! (manchmal) (Die Vorschläge liegen seit 2011 auf dem Tisch!)
    http://varoufakis.files.wordpress.com/2013/07/a-modest-proposal-for-resolving-the-eurozone-crisis-version-4-0-final1.pdf
    Die Idee ist einfach:
    Man kann Aussenhandelsungleichgewichte entweder >>abbauen<< (dauert lange und ist mühsam) und/oder >>ausgleichen<< (den Kreislauf schließen)
    Bsp. Japan <==> USA: Ungleichgewicht über Jahrzehnte, Ausgleich: Japan kauft US-Bonds und investiert in den USA (Das Geld fließt wieder zurück, der Kreislauf ist geschlossen und damit stabil.)
    Vorschlag Varoufakis:
    - Massive Investitionen z.B. der Europäischen Entwicklungsbank in Südeuropa zur Erhöhung der dortigen Produktivität.
    - Finanzierung: Verkauf von Anleihen an Investoren aus den Überschussländern mit freundlicher Unterstützung durch die EZB.
    - kurzfristiger Effekt: Ausgleich der Ungleichgewichte
    - langfristiger Effekt: Abbau der Ungleichgewichte
    Der Vorschlag ist charmant:
    Es gibt statt Dauerkrise eine Konjunktur in Europa.
    Die Überschüsse finden eine sinnvolle Verwendung.
    Es ist ein Akt tatkräftiger Solidarität nach dem Prinzip >>Hilfe zur Selbsthilfe<<
    Der Euro ist gerettet, die Krise überwunden.
    Europa rückt zusammen.
    Es gibt wieder genügend werthaltige Assets für die Finanzmärkte.
    Eine win - win - win Situation.

    Ökonomisches Grundprinzip
    Man kann Kosten auf zwei Weisen senken:
    1. Senkung der Löhne (Es gibt dabei nur Verlierer)
    2. Erhöhung der Produktivität (Es gibt dabei nur Gewinner)
    >>Economy 101<<

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    1. Ich kenne den Beitrag von Gailbraith und Varoufakis seit langem und habe ihn, so denke ich, in einem früheren Blog erwähnt. Er behandelt aber nur wie man die unsinnigen Schuldenbremsen vom Maastricht-Typ auf eiuropäischer Ebene umgehen kann, wie Dobrindt und Schäuble das für Deutschland (sehr kostspielig) machen wollen und wie Juncker das für Europa (und besonders für Griechenland, weniger für andere Staaten) vorsieht. Im Prinzip hat das meine volle Unterstützung, vor allem dann, wenn anderen Staaten genauso geholfen wird wie Griechenland. Es löst aber nicht das Problem der europäischen Lohndisparitäten. Dazu hat Varoufakis auch in dem Beitrag, den Sie erwähnen, nichts gesagt, leider. Wenn das Problem nicht gelöst wird (das Varoufalkis kennt, aber zu dem er beharrlich schweigt) ist keine dauerhafte Lösung der Probleme möglich. Das sieht der IWF. Deshalb ist er noch lange kein "Verbrecher".
      Letztlich haben wir Verhandlungen mit einer typischen griechischen Regierung. Es ist zu hoffen, dass dennoch auf europäischer Ebene vernünftige Lösungsmöglichkeiten auftauchen. Jedenfalls glaubt keiner mehr an Austerity, aber das löst nicht die Probleme der innereuropäischen Disparitäten und auch nicht dauerhaft die Probleme Griechenlands.

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  4. "Es löst aber nicht das Problem der europäischen Lohndisparitäten. Dazu hat Varoufakis auch in dem Beitrag, den Sie erwähnen, nichts gesagt, leider."

    Lesen Sie bitte genau:

    "POLICY 3 – An Investment-led Recovery and Convergence Programme (IRCP)"

    A European Venture Capital Fund financed by EIF bonds was backed unanimously by employers and trades unions on the Economic and Social Committee in their 2012 report Restarting Growth. Central European economies (Germany and Austria) already have excellent finance for small and medium firms through their Mittelstandpolitik. It is the peripheral economies that need this, to build new sectors, to foster convergence and cohesion and to address the growing imbalances of competitiveness within the Eurozone."

    >>to address the growing imbalances of competitiveness within the Eurozone<<

    Varoufakis spricht zwar nicht direkt über "Lohndisparitäten", sondern nur über wachsende Ungleichgewichte der Wettbewerbsfähigkeit in Europa. Gemeint sind natürlich die Handelsbilanzungleichgewichte. Auch die Begriffe "recycling of
    European and global savings" finden sich in dem Papier. Nimmt man beides zusammen, kommt man zu dem von mir oben skizzierten Programm.
    Dass nur dies gemeint sein kann, wird klar wenn man den "Global Minotaur" hinzunimmt.


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    1. Vielen Dank für Ihre Hinweise! Den "Global Minotaur" kenne ich nicht, aber Arbeiten von Varoufakis zu Tarifverhandlungen, in denen der Aufbau einer gemeinsamen Verhandlunskultur eine Rolle spielt. Davon sieht man in den gegenwärtigen Verhandlungen nichts. Ich sehe eher den Spieltheoretiker, der die Verhandlungen fälschlicherweise als Game of Chicken und nicht als Kettenladenspiel deutet und damit für sein Land (und für Europa) durch Verzögerung der Einigung um mindestens einen Monat hohe Kosten verursacht hat.

      Aber wie dem auch sei: Glauben Sie wirklich, dass bei Beschäftigungssteigerung in Griechenland eine ausreichende Lohnzurückhaltung zu erwarten ist? Ich nicht. Der IWF setzt auf Liberalisierung der Arbeitsmärkte um das zu erreichen. Varoufakis setzt dem nichts entgegen, mal abgesehen von Mittelstandspolitik und, in seinem Interview mit Stiglitz, eine Stärkung der kollektiven Lohnsetzung. Das finde ich vernünftig, aber das bleibt sehr vage. Eine Stärkung der Gewerkschaften geht normalerweise mit Lohnsteigerungen einher. Das könnte anders sein, wenn tatsächlich ein System der Flächentarifverträge wie in Deutschland eingeführt würde. Aber davon habe ich noch nichts gehört. Ich bin aber kein Spezialist für Griechenland oder Varoufakis. Sie kennen sich da sicher besser aus. Mein Anliegen war nur, Gesichtspunkte zu betonen, die ich allgemein für Europa für wichtig halte und die bei der nächsten Krise (wahrscheinlich wieder Griechenland) vielleicht mehr, und vor allem konstruktive, Beachtung finden sollten.

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