Samstag, 14. Mai 2016

Das Problem der Überqualifikation

Inga Michler schreibt in Die Welt:

Top-Akademiker putzen das Möbelhaus, ein Kapitän kontrolliert Pässe, ein Ingenieur fährt Taxi. Jeder siebte Deutsche ist überqualifiziert. Die Gründe für die Job-Missverständnisse sind teils bitter. ... Aktuellen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge arbeiten mehr als 15 Prozent aller Beschäftigten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus.
Das ist kein speziell deutsches Problem sondern ist in vielen Industrieländern aufgetreten. Glenda Quintini von der OECD hat dies wohlbekannte Phänomen erneut untersucht und  kommt zu dem Schluß:
Unsere Meta-Analyse zeigt, dass über 35% der schwedischen Arbeitskräfte überqualifiziert sind, verglichen mit nur 10% in Finnland. Die meisten anderen OECD-Länder liegen zwischen diesen Extremen.
Tatsächlich hat die Überqualifikation im Zuge der Bildungsexpansion zugenommen. Die Zahl der gut qualifizierten ist schneller gewachsen als der Bedarf. Das hat dann zu zunehmender Überqualifikation  geführt.

Man würde gemäß einer einfachen Angebots-Nachfrage-Theorie erwarten, dass ein zunehmendes Überangebot bei höheren Qualifikationen dazu führt, dass die Lohndifferenz zwischen höher qualifizierten und geringer qualifizieren Arbeitskräften - die "Lohnspreizung" - abnimmt, aber das Gegenteil war der Fall: Die Lohnspreizung hat massiv zugenommen. Das deutet darauf hin, dass die Unternehmungen sogenannte "Effizienzlöhne" zahlen. Solche Löhne kommen bei Heterogenität der Arbeitskräfte zustande: Wenn die Bewerber unterschiedlich leistungsfähig sind und man bessere Bewerber bekommen möchte, wird man um diese besseren Arbeitskräfte mit den anderen Unternehmungen mittels höherer Lohngebote konkurrieren, auch bei Überangebot. Eine Unternehmung, die das Überangebot zu Lohnsenkungen nutzen möchte, wird zwar hinreichend viele hinreichend qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen können, aber nicht die besonders leistungsfähigen. Unter solchen Bedingungen wird man dann auch bei Überangebot keine Lohnsenkungen erwarten.

Wenn man nun bedenkt, dass, anders als bei Fließbandtätigkeit, die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit bei sogenannten "nicht-algorithmischen" Aufgaben, wie etwa bei Ingenieuren, Architekten oder Verkäufern eine große Rolle spielen und der Anteil derartigen Tätigkeiten in allen Berufsfeldern im Zuge des Technischen Fortschritts zugenommen hat, weil die repetitiven "algorithmischen" Tätigkeiten, wie etwa die manuelle Buchführung, abgenommen hat, wird die zunehmende Lohnspreizung verständlich. Die Ausbildungs- und Qualifikationsprämien nehmen zu. Das macht die Ausbildung attraktiver. Dies führt zu zunehmender Überqualifikation, welche dann aber letztlich die Attraktivität des Qualifikationserwerbs mindert, wegen des Risikos, letztlich keine ausbildungsadäquate Tätigkeit zu erhalten. Ich habe dies hier dargelegt.

Natürlich ist Überqualifikation ökonomisch und sozial schädlich. Um sie einzudämmen müssen Maßnahmen zur Reduktion der Lohnspreizung, also der Lohnungleichheit, getroffen werden. Damit könnte der Erwerb von Qualifikation über das erforderliche Ausmaß hinaus weniger attraktiv gemacht werden. Eine derartige Maßnahme wäre, die Progressivität der Besteuerung zu erhöhen. Kollektive Lohnsetzung könnte ebenfalls in Richtung auf mehr Gleichheit wirken und das Problem der Überqualifikation abmildern.

Ergänzung (30.5.2016): Die vorhandene Überqualifikation verbessert die Möglichkeiten zur Integration von gering qualifizierten Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt.

1 Kommentar:

  1. Ein weiterer Aspekt - der außerhalb makroökonomischer Untersuchungen liegt, diese aber beeinflussen kann - betrifft das veränderte heutige Verhältnis zur Arbeit. Möglicherweise würde eine Senkung der Lohnspreizung nicht vollständig zu den gewünschten Effekten führen, wenn Bildung oder der Erwerb von Qualifikation nicht mehr mit dem zukünftigen Lohn assoziiert wird, sondern Teil einer Kultur der Selbstverwirklichung wird (Erwerb von Qualifikation wird dann assoziiert mit einem späteren Berufseinstieg, Reisen, etc.).
    Des Weiteren wächst mit der zunehmenden Zahl der Studierendenzahlen auch der Wunsch bei den 'Anderen', das "Lebensgefühl des Studierens" zu erfahren, was sich insb. in der zunehmenden Anzahl von Zwischenlösungen wie einem Dualen Hochstudium ausdrückt.

    Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Ich stimme Ihren Ausführungen zu, allerdings bezweifle ich die angenommene Effektstärke einer Reduktion der Lohnspreizung (z.B. durch Erhöhung der Steuerprogression).

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