Sonntag, 14. Juni 2015

Tsipras Besorgnis um die griechischen Renten ist wohl vorgeschoben

Tsipras weigert sich, den Wünschen der Institutionen nach Rentenkürzungen zu entsprechen. Die Sorge um die griechischen Rentner ist aber wohl vorgeschoben. Die griechischen Renten sind nicht schlecht:


Quelle: Die Welt, http://www.welt.de/wirtschaft/article138674711/Geldgeber-halten-griechische-Renten-fuer-zu-hoch.html

Bei einem Grexit müssen die Renten auf Drachmen umgestellt werden. Ihre Kaufkraft wird entsprechend fallen. Bei Rentenkürzung nach Vorstellung der Institutionen geht die Kaufkraft der Renten ebenfalls zurück. Es ist aber zu bezweifeln, dass die griechischen  Rentner nach einem Grexit besser dastehen als nach einer Rentenkürzung gemäß den Wünschen der Institutionen  bei Beibehaltung des Euro.

Deshalb, so scheint mit, ist das Argument vorgeschoben. M.E. gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Tsipras sorgt sich tatsächlich um die Renten und will den Euro nicht verlassen. Er versucht nur, das beste herauszuholen. Dann wird er im Schuldenstreit letztlich nachgeben und Rentenkürzungen entsprechend den Forderungen der Institutionen akzeptiern,  gleichgültig wie die Forderungen sind.

2. Tsipras will gar keine Einigung, schert sich einen Dreck um die griechischen Renten und will  lediglich die Guthaben der wohlbetuchten Griechen bei der Europäischen Zentralbank, wie sie sich durch Geldabflüsse tagtäglich anhäufen, möglichst groß machen, gleichgültig wie die Forderungen der Institutionen sind. Dies ist die Vermutung meines Kollegen Hans Werner Sinn (mit dessen Einschätzungen ich oft nicht übereinstimme, aber in diesem Fall sehe ich diese Möglichkeit ebenfalls).  Dann wird Tsipras sich auf keine Einigung einlassen. Das wieder neu aufgetauchte Verlangen nach einem Schuldenschnitt deutet in diese Richtung.

Der Internationale Währungsfonds sieht sie Sachlage wohl richtig. Wir werden in Kürze sehen, welche der beiden Möglichkeiten zutrifft.

Nachtrag (15.6.2015): Der Internationale Währungsfonds besteht auf einer Reduktion der Summe der Rentenzahlungen um 6.25 %. Dabei könnten die niedrigen Renten unverändert bleiben wenn die höheren Renten entsprechend stärker gekürzt würden.

Kommentare:

  1. Kleiner Hinweis:
    Die Zahlen der WELT zu den griechischen Renten würde ich mit Vorsicht betrachten. Laut Bildblog (http://www.bildblog.de/65694/dirk-hoerens-verrenkte-rentenrechnung/) sind ähnliche Angaben der BILD offenbar unrichtig...

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  2. Hinzu kommt noch, dass eine weitere Kürzung von Volkseinkommen durch Renten-/Lohnkürzungen und Erhöhung der Mehrwertsteuer (auch gefordert) die Krise weiter verschärfen wird.
    Die Menschen verhungern doch jetzt schon in Griechenland. Es ist so menschenverachtend, was die europäische (vorneweg die deutsche) Politik dort anrichtet.
    Und zu dem Kollegen Sinn und seinen "Vermutungen": http://www.flassbeck-economics.de/sinn-und-unsinn/

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    1. Die Produktivitätsargumente, die hier von Herrn Flassbeck auf der einen Seite und von Herrn Sinn auf der anderen Seite vorgebracht werden, sind problematisch. Ich halte sie tatsächlich in Vielem für irreführend, in beiden Versionen, und habe die Problematik in meiner Antwort vom 16. Juni angedeutet, aber, jedenfalls für einen Kommentator, unverständlich erklärt.
      Es geht aber um die andauernden Aussenhandelsdefizite Griechenlands, die abgebaut werden müssen. Expansive Nachfragepolitik, die ich im Prinzip befürworte, führt einerseits zu höherer Produktion und Beschäftigung, andrerseits zu zunehmender Verschuldung Griechenlands gegenüber der Europäischen Zentralbank, weil die Importe zunehmen und die Exporte tendenziell durch zunehmende Lohnkosten gedrosselt werden. Das ist kein tragfähiges Konzept. Wenn man das will, soll man den Grexit wählen. Die griechische Regierung scheint diese Wahl getroffen zu haben.
      Wie ich wiederholt versucht habe zu erklären könnte Griechenland nur in der Euro-Zone bleiben, wenn man einen zusätzlichen Mechanismus zur Dämpfung der Lohnsteigerungen einführt. Die regionale Lohnindexierung ist solch eine Möglichkeit. Das heißt nicht, dass die griechischen Reallöhne auf die Dauer fallen würden - sie werden tatsächlich letztlich steigen, weil die Arbeitsproduktivität überproportional zur Beschäftigung steigt (Okuns Gesetz). Dieser Effekt könnte übrigens bei hinreichender Lohnmoderation die oben erwähnte Aussenhandelsproblematik deutlich entschärfen.
      Herr Flassbeck hat immer wieder nachdrücklich (und zu Recht) auf das Problem der Lohndisparitäten in der Eurozone hingewiesen. Varoufakis kennt es. Warum macht er keinen Vorschlag, wie er Expansion und Aussenhandelsausgleich zugleich erreichen kann? Das er das nicht macht spricht für mich dafür, dass Herrn Sinns Vermutung zutrifft. Das alles hat aber nichts mit irgendwelchen Produktivitätsargumenten zu tun. Es geht um Aussenhandelsausgleich.
      Man sollte anfügen, dass expansive Nachfragepolitik für Deutschland absolut geboten ist, weil sie zugleich zu Lohnsteigerungen und zum Abbau der deutschen Außenhandelsüberschüsse führt (höhere Importe) und damit die Lage der anderen Euro-Länder, insbesondere auch Griechenlands, verbessert. Das ist aber durch die Schuldenbremse ausgeschlossen. Durch die Schuldenbremse trägt Deutschland kräftig zum Scheitern des Euro-Projekts bei.

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    2. Ich sehe gerade dass ich versehentlich einen Kommentar und meine Antwort dazu gelöscht habe. Ein Leser hatte geschrieben, dass man doch einfach die Löhne nach der Regel Lohnsteigerung=Produktivitätssteigerung+Inflationsziel anpassen könnte. Ich hatte darauf hingewiesen, dass eine solche produktivitätsorientierte Lohnpolitik problematisch ist, weil sie die Lohnquote fixiert, was zu Lohnkostendisparitäten führen kann. Es geht aber letztlich um Aussenhandelsausgleich. Das Problem ist aber auch nicht, eine Regel für die Lohnentwicklung vorzugeben, sondern eine Lohnentwicklung gemäß einer solchen Regel zu implementieren.
      Noch einmal kurz: Die Arbeitsproduktivität wird gemessen als Wertschöpfung pro Kopf=(Verkaufserlös minus Vorleistungen (außer Arbeit)) pro Kopf=(Gewinn + Lohnzahlung) pro Kopf. In der Produktivität stecken also die Lohnkosten bereits drin! Das macht viele Produktivitätsargumente problematisch. Sie sind oft zirkulär.

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    3. Korrektur: Das war ein Kommentar zum vorangegangenen Post. Er steht immer noch und auch meine Antwort.

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  3. Vielen Dank! Ich bin hier wohl auch auf die Angaben des IWF hereingefallen: Die Griechenland-Zeitung (https://www.griechenland.net/nachrichten/politik/18616-streitfall-bei-den-verhandlungen-iwf-drängt-auf-rentenreform) bringt das auf Deutsch:

    "Griechenland kann seine mittelfristigen Fiskalziele nicht ohne Reformen erreichen, insbesondere bei den Renten“, sagte IWF-Sprecher Gerry Rice. "Die Standardrente in Griechenland ist fast genauso hoch wie in Deutschland, und Arbeitnehmer gehen in Griechenland fast sechs Jahre früher in Rente als in Deutschland“, fügte Rice hinzu.

    Dem wird von der griechischen Regierung wohl widersprochen, siehe den Bericht der Griechenland-Zeitung.

    Das ist wohl alles ziemlich unklar, aber das ändert nichts an meiner Einschätzung, dass ein Grexit für die griechischen Rentner nachteiliger wäre als ein Eingehen auf die Forderungen des IWF.

    Der IWF hat natürlich recht darin, dass Griechenland nicht ständig negative Target-Salden bei der EZB anhäufen kann, die letztlich zu Lasten der anderen Euro-Länder gehen, die oft einkommensmäßig schlechter dastehen als Griechenland (Spanien, Portugal - von Estland oder der Slovakei ganz zu schweigen). Es muss also Aussenhandelsüberschüsse erwirtschaften, hat aber gegenwärtig immer noch ein Aussenhandelsdefizit. Die Institutionen wollen eine weitere interne Abwertung erzwingen um dieses Ziel zu erreichen. Ich denke, eine regionale Lohnindexierung wäre besser. Wenn beides nicht in Frage kommt ist wohl ein Grexit geboten.

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