Mittwoch, 4. Januar 2012

Mal nicht zur Sache: Wulffs Interview aus der Sicht eines Professors

Aus der Sicht eines Professors, unabhängig von jedweder Ökonomie:

Soeben habe ich das Interview des Bundespräsidenten gesehen, das er ARD und ZDF gewährt hat.

Ich habe viele mündliche Prüfungen abgehalten. Bei unserem Präsidenten sehe ich die gleiche Verhaltensweise wie bei unsicheren Studenten: Sie schauen permanent auf die Reaktion des Prüfers (bei Wulff: der Interviewer)  und richten ihtre Antworten nach der  Mimik des Prüfers. Sie versuchen nicht, den Prüfer von ihrer Ansicht zu überzeugen, oder mindestens davon, dass es gute Gründe für diese Antwort gibt, selbst wenn der Prüfer anderer Meinung sein sollte. Sie versuchen nur, sich durchzumogeln. Und so jemand ist Präsident!

Frau Wulff ist doch Medienexpertin. Warum hilft sie Ihrem neuen Mann nicht und bereitet ihn besser vor?

Nachtrag (10.1.2012): Das obige gibt meinen tatsächlichen Eindruck wieder. Dieser Eindruck ist nicht als Verleumdung  intendiert, sondern eben als wahrheitsgemäße Darstellung meines Eindrucks, der ja auch falsch sein kann.

Allerdings muss ich sagen, dass der Herr Bundespräsident seine im Interview gegebene Zusage gebrochen hat, alle 400 Fragen und Antworten aufs Netz zu stellen. Ich hatte ihm das, trotz meines Eindrucks, tatsächlich geglaubt und habe einige Zeit damit vergeudet, diese nicht vorhandenen Antworten am nächsten Tag auf dem Netz zu suchen. Es gibt nur eine recht uninformative Darstellung seiner Anwälte. Mein Eindruck war wohl doch nicht ganz falsch. Auch bei der Aussage, dass der Herr Bundespräsident seine öffentliche Zusage gebrochen hat, handelt es sich um eine Tatsachenbehauptung. Ich nehme sie gerne zurück wenn sie widerlegt wird.


Kommentare:

  1. Hallo Herr Schlicht,
    wmich würde Ihre Meinung zu diesem Artikel interessieren.

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,807029,00.html

    Beste Grüsse
    C.S.

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  2. Das ist die durchaus nachzuvollziehende Meinung eines jungen Kollegen. Er unterschätzt aber vielleicht das Ausmaß, in dem durch den gegenwärtigen Wissensachaftsbetrieb ein tieferes Nachdenken behindert und Konformität belohnt wird. Dabei lebt der Fortschritt aber von Vielfalt.

    Die jungen Leute haben nicht mehr genug Zeit zu lesen. Ich bin mir sicher, dass die meisten jungen Kollegen (und auch einige meiner Generation) weder Adam Smith noch Karl Marx noch Alfred Marshall noch John Maynard Keynes sorgfältig gelesen haben -- und diese Autoren sind wirklich den gegenwärtigen Autoren intellektuell weit überlegen. Das Problem ist, dass diese Überlegenheit von Studenten mit der heutigen Schulung nicht einmal mehr wahrgenommen werden kann.

    Was ich in diesem Blog zur Finanzpolitik schreibe ist alles alter Kram -- oft besser von Autoren wie Domar oder Lerner in den vierziger Jahren formuliert. Ich halte das alles weitgehend für trivial bzw. geklärt und habe deshalb auch nicht über diese Fragen gearbeitet (außer meiner Bemerkung zur Staatsverschuldung, die ich aber nicht zu meinen wesentlichen Beiträgen zähle). Ich sehe aber in der öffentlichen Diskussion, dass diese Überlegungen in Vergessenheit geraten sind. Deshalb mein Blog.

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